REZENSIONEN/BOOK REVIEWS Fortschritt in einem Zeitalter der Angst? TONY JUDT: Ill Fares the Land: A Treatise on Our Present Discontents London 2010 Allen Lane, 237 S. M it seinem letzten Buch»Ill Fares the Land« hat der große britische Historiker Tony Judt noch kurz vor seinem Tod im August dieses Jahres einen unschätzbaren Beitrag zur Debatte um die Zukunft von Sozialdemokratie und progressiver Politik geleistet. Wer sich für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der sozialen Demokratie interessiert, für den ist»Ill Fares the Land« eine Pflichtlektüre – genauso übrigens wie Richard Wilkinsons und Kate Picketts ebenso wichtiges Buch»Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind«, auf welches sich Tony Judt ausgiebig bezieht. Auch einer»Pflichtlektüre« muss man natürlich nicht rundum beipflichten. Doch egal, ob man Judts Argumenten folgt oder nicht: Auf jeden Fall zwingt»Ill Fares the Land« Sozialdemokraten, ihre gängigen Argumente neu zu durchdenken: Kann und soll sich Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert weiterhin als Partei des Fortschritts begreifen? Welche Richtung sollte dieser Fortschritt heute einschlagen? Oder könnte es sein, dass»Fortschritt« heute eher das Problem und nicht die Lösung darstellt? Das sind die provokativen Fragen, die Judt aufwirft. Klar ist, dass der Glaube an die Notwendigkeit und prinzipielle Möglichkeit von Fortschritt für die Sozialdemokratie stets konstitutiv war. Demgegenüber glaubten Konservative an die Existenz einer»natürlichen Ordnung der Dinge«, die nicht radikal verändert werden dürfe. Der Konservatismus, begriffsgetreu verstanden, war eine fundamental pessimistische Weltanschauung. Das änderte sich vor drei Jahrzehnten mit dem Heraufziehen der neokonservativen und neoliberalen Hegemonie. Zu Recht hebt Judt die historische Dimension dieses Gezeitenwechsels hervor:»Es ist die politische Rechte, die den ehrgeizigen modernen Drang geerbt hat, im Namen eines universellen Projekts zu zerstören und zu erneuern.« Diese Beobachtung mag unter Sozialdemokraten unstrittig sein. Diskussionen sollte hingegen der Schluss auslösen, den Judt hieraus mit Blick auf die ipg 4/2010 Rezensionen/Book Reviews 1
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