JÜRGEN KAHL Großer Sprung in die Globalisierung. China vor dem Beitritt zur WTO N ach einem außerordentlich zähen Verhandlungsprozess, der sich 15 Jahre lang hingezogen hat und mitunter hart am Rand des Scheiterns stand, ist die Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation( WTO ) nun so gut wie beschlossene Sache. Die Kompromisslösungen, die in den verbliebenen Streitpunkten, etwa zur zulässigen Höhe der chinesischen Agrarsubventionen, mit der EU und den USA gefunden wurden, haben die Voraussetzungen für den Beitritt der Volksrepublik als 142 . Mitgliedsland spätestens Anfang des Jahres 2002 geschaffen. Damit ist auch der Weg frei für die anschließende Aufnahme Taiwans in die WTO mit dem Status eines»Unabhängigen Zollgebiets«. Für die Tragweite dieser Erweiterung, die von weit auseinander driftenden Spekulationen begleitet wird, gibt es schon aufgrund der Dimensionen in der Geschichte der WTO und ihres Vorläufers, des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens ( GATT ), keinen vergleichbaren Präzedenzfall. Mit rund 1,3 Milliarden Einwohnern( 22 Prozent der Weltbevölkerung) ist China das größte Mitgliedsland. China und Taiwan zusammen bringen es außerdem auf etwa die Hälfte des Handelsvolumens und auf einen noch höheren Anteil am kombinierten Bruttoinlandsprodukt( BIP ) der Staaten, die gegenwärtig noch nicht zur WTO gehören. Dem Anspruch, eine global operierende Institution zu sein, kommt die WTO damit einen entscheidenden Schritt näher. Für Chinas Entwicklung ist der Beitritt über den internationalen Prestigegewinn hinaus ein Meilenstein mit kaum zu überschätzenden Konsequenzen. Er macht die Integration des Landes in die Weltwirtschaft ebenso unumkehrbar wie den nach den WTO -Spielregeln nun forciert zu betreibenden Umbau der teilreformierten chinesischen Volkswirtschaft zu einem funktionsfähigen und transparenten marktwirtschaftlichen System. Vor dem erwarteten nachhaltigen Wachstums- und Wohlstandsgewinn muss die chinesische Führung allerdings schwierige Strukturprobleme(Arbeitsmarkt) bewältigen. Damit ist die Gefahr verbunden, dass sich die akuten sozialen Spannungen weiter verschärfen und hart an den Bruchpunkt geraten. Ebenso vorhersehbar ist, dass die Beschleunigung des wirtschaftlichen Systemwandels den Trend zur Pluralisierung weiter vorantreibt und dem Begehren nach gesellschaftlicher und politischer Mitbestimmung der unterschiedlichsten Interessengruppen mehr Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft verleihen wird. Für die Wirtschaftspartner im Westen, allen voran die USA und die EU , bedeutet der WTO Beitritt Chinas mittel- und langfristig einen entscheidenden Durchbruch zur Erleichterung des Marktzugangs und zu mehr Rechts- und Planungssicherheit. Die Öffnung des Dienstleistungssektors ebnet ausländischen Anbietern außerdem den Weg in potenziell lukrative neue Geschäftsfelder. Was Prognosen dennoch unsicher macht, ist die kritische Frage, ob die chinesische Führung bereit und in der Lage ist, die WTO -Vorgaben auch um den Preis destabilisierender innerer Konflikte und sozialer Verwerfungen fristgerecht umzusetzen. Die künftige Funktionsfähigkeit der WTO hängt nicht zuletzt davon ab, inwieweit China der Versuchung nachgibt, die Organisation politisch zu instrumentalisieren und zum Austragungsort für regionale und globale Konflikte zu machen. Die Einflussnahme Pekings auf das Beitrittsverfahren Taiwans, für die sich in den WTO -Statuten keine Rechtfertigung findet, hat dafür einen problematischen Präzedenzfall geschaffen. IPG 4/2001 Jürgen Kahl, Großer Sprung in die Globalisierung. China vor dem Beitritt zur WTO 423
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