Aufsatz 
Populismus an der Macht : das Phänomen Berlusconi
Entstehung
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Populismus an der Macht Das Phänomen Berlusconi MICHAEL BRAUN P arlamentsabgeordneter, Vorsitzender der mit 29,2 Prozent stärksten Partei Italiens, die sich mit ihrer Zugehörigkeit zur Europäischen Volkspartei in der christdemokratisch-konservativen Familie Europas verortet, 1994 erstmals für wenige Monate Ministerpräsident, dann Op­positionsführer und schließlich seit 2001 wieder Regierungschef: Nähme man nur diese Daten zur Kenntnis, dann könnte man Silvio Berlusconi für einen Politiker wie viele andere auch halten. Doch in der italienischen wie in der internationalen Öffentlichkeit stellt Berlusconi zumindest für die westlichen Demokratien eine Ausnahmeerscheinung dar. Der reichste Mann Italiens kontrolliert auch nach seinem Einstieg in die Politik wei­terhin eine der mächtigsten Unternehmensgruppen des Landes; vor al­lem aber ist er der mächtigste Medienunternehmer des Landes und hält ein Quasi-Monopol im privaten Free­tv Italiens. Ungewöhnlich ist aber nicht nur die Herkunft, sondern auch der Po­litikstil Berlusconis. Scheinbar ist Berlusconi ein Mann der absoluten Be­liebigkeit, der schon bei der Gründung seiner Partei»Forza Italia« Wahl­forscher damit beauftragt haben soll, von links bis rechts die Segmente in der Wählerschaft daraufhin zu untersuchen, wo eine neue Partei die größ­ten Erfolgsaussichten habe; der später in den Wahlrechtsdebatten mal dem britischen, dann dem französischen Majorz- und schließlich dem deutschen Proporzmodell das Wort redete; der mal eine Verfassungsre­form nach dem Kanzlermodell, dann eine Präsidialverfassung favorisiert; der zuletzt auch außenpolitisch im Irakkonflikt mit täglich wechselnden Stellungnahmen auffiel. Als Konstante erwies sich dagegen in nunmehr fast zehn Jahren poli­tischer Aktivität die Inszenierung des eigenen Ich, die Berlusconi ohne Bescheidenheit betreibt. Ob er sich nun als»vom Herrn gesalbt« bezeich­net oder einen berechtigten»Überlegenheitskomplex« bescheinigt, ob er verkündet, alle Welt beneide Italien um seinen Regierungschef, oder ob er sich als Gesetzesvater an die Seite Napoleons und Justinians rückt Berlusconi spitzt die auch in anderen Demokratien gängige Personalisie­110 Braun, Das Phänomen Berlusconi ipg 3/2003