Aufsatz 
Westliche Werte und historische Erfahrungen diesseits und jenseits des Atlantik
Entstehung
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Westliche Werte und historische Erfahrungen diesseits und jenseits des Atlantiks CHRISTOPH ZÖPEL S eit Beginn der weltweiten politischen Diskussion um eine militärische Intervention im Irak erleben wir eine vielfältige Debatte über das tran­satlantische Verhältnis. Sowohl im kommunikativen Zusammenhang der Politik als auch dem der Wissenschaft erfordern die argumentativen Po­sitionen Maßstäbe: Das sollten sein, und sind auch zumeist, Werte und historische Erfahrung. Dieses Postulat erscheint abstrakt, so es explizit er­hoben wird, dabei wird es konkret zumeist implizit gefüllt, wenn es in der Debatte über das transatlantische Verhältnis um die gemeinsamen»West­lichen Werte« und um die unterschiedliche Betroffenheit von Amerika­nern und Deutschen durch Krieg geht. Für die gefühlsbezogenen Einstellungen zwischen voneinander abge­grenzten Gemeinschaften, also vor allem auch von Staatsvölkern, spielt das Größenverhältnis eine entscheidende Rolle. Große verachten Kleine, Kleine stoßen die Großen zurück. Im deutsch-niederländischen Verhält­nis lässt sich dieses Grundmuster exemplarisch ausmachen, im zotigen Witz der karnevalistischen Büttenrede, im Fankrieg am Rande von Fuß­ballspielen, wie ernsthafterweise bei der Aufarbeitung von Krieg und Kriegsverbrechen. Es dürfte lebensweltlicher Gefühlsbanalität entspre­chen, dass die Aussöhnung in Westeuropa zwischen Frankreich und Deutschland gelingen musste, bevor sie auch zwischen den Niederlanden und Deutschland möglich war, und dass in Osteuropa Polens Versöh­nung der Versöhnung Tschechiens mit Deutschland vorausgeht. Was für Deutschland und die Niederlande gilt, lässt sich auf die usa und Deutsch­land übertragen. Neid, Abwehr, Hilflosigkeit gegenüber der Sieger­macht; Herablassung, Unkenntnis, Protektoratisierung gegenüber der europäischen Mittel(Ohn-)macht, das sind kommunikative Konkretisie­rungen dieser lebensweltlichen Befindlichkeiten. Solche Befindlichkeiten bleiben normalerweise folgenlos, aber werden fehlbewertet, wenn sie aus ihrer Banalität gehoben werden. Vor den Folgen falscher Analyse und falscher Wertungen zu warnen, ist eine Absicht ideologischer Überhöhung des Antiamerikanismus und 156 Zöpel, Westliche Werte und historische Erfahrungen ipg 3/2003