Rezension 
[Rezension von: Bismarcks System in der Auflösung / George F. Kennan, 1981 // Der berliner Kongreß 1878 / hrsg. von Imanuel Geiss, 1978]
Entstehung
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George F. Kennan, Bismarcks System in der Auflösung. Die französisch-russi­sche Annäherung 1875 bis 1890, Propyläen Verlag, Frankfurt/Berlin/Wien 1981, 501 S., Ln., 68 DM.

Der Berliner Kongreß 1878. Protokolle und Materialien, hrsg. von Imanuel Geiss(= Schriften des Bundesarchivs, Bd. 27), Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1978, XXXV, 428$., Ln., 48 DM.

George F. Kennan, der bedeutende amerikanische Diplomat, erweist sich einmal mehr als ein exzellenter Historiker: Sein Werk über die Vorgeschichte des französisch-russischen Bündnis­ses von 1894 beeindruckt gleichermaßen durch die Fülle des ausgebreiteten Materials wie durch die Kunst der Darstellung, durch Weite der Perspektive wie durch stupende Gelehr­samkeit und Scharfsinn der Argumentation zweifellos liegt hier ein Stück großer Ge­schichtsschreibung vor.

Dieser Feststellung sei gleich eine weitere hinzugefügt. Kennans Methode, Geschichte zu betrachten, die Entwicklung der außenpolitischen Beziehungen und die Struktur des außen­politischen Entscheidungsprazesses im ausgehenden 19. Jahrhundert zu analysieren, unter­scheidet sich in markanter Weise von jenen inhaltlichen und methodischen Tendenzen, die derzeit in den westdeutschen Forschungsbeiträgen über die Bismarcksche Politik und. die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs vorherrschen.

Dies wird zunächst schon bei der Wahl des Gegenstandes deutlich. Denn die Vorgeschichte des französisch-russischen Bündnisses ist für Kennan nicht einfach ein mehr oder weniger fas­zinierendes Kapitel der europäischen Geschichte zwischen 1875 und 1890, sondern Kennan sieht in diesem Bündnis ganz dezidiert eine Hauptkomponente derjenigen Entwicklung, die auf die Situation von 1914 zuführte. Er lenkt somit den Blick auf einen Problemkomplex, der in den leidenschaftlichen Diskussionen, die während der 1960er Jahre im Rahmen der Fischer-Kontroverse ausgetragen wurden, völlig unterbelichtet blieb: nämlich auf den Anteil, den speziell die russische Politik an der zum Ersten Weltkrieg führenden Entwicklung hatte und der von vielen westdeutschen Historikern in jenen Diskussionen minimalisiert wurde. Zweitens: Die in Teilen der westdeutschen Historiographie gängig gewordene fundamental­kritische Bewertung der Bismarckschen Politik als einer vorgeblich durch die inneren Struk­turprobleme des Kaiserreichs bedingten aggressiv-sozialimperialistischen Außenpolitik ist bei Kennan ebensowenig anzutreffen wie das Postulat, die außenpolitischen Grundsatzentschei­dungen seien in jenen Jahren weitgehend determiniert worden durch Faktoren der Innenpoli­tik, ökonomische Interessen und soziale Konflikte. Die Struktur des außenpolitischen Ent­scheidungsprozesses in einem Zeitalter, in dem Außenpolitik immer noch primär Kabinetts­politik war, wird von Kennan sicherlich angemessener erfaßt, wenn er den Intentionen und Lagebeurtelungen der verantwortlich handelnden Politiker die ausschlaggebende Rolle zuweist. Daß auf die Konzeptionen und Entscheidungen dieser kleinen Personengruppe auch die politischen. Vorstellungen der gesellschaftlichen Führungsschichten und die Stimmungen der öffentlichen Meinung in den einzelnen Ländern einwirkten, ist selbstverständlich; das besagt indessen nicht, daß diese Männer in erster Linie als Vollstrecker wirtschaftlicher oder sozialer Interessen agierten. Entsprechend dieser methodischen Prämisse stehen bei Kennan die führenden»decision-makers« im Vordergrund, und es gelingen ihm dabei Personen­charakterisierungen von großer Eindringlichkeit und Anschaulichkeit. Aber auch die Aktivi­täten einer ganzen Reihe von Agenten und Mittelsmännern werden detailliert geschildert; manche diesbezüglichen Abschnitte lesen sich spannend wie ein Kriminalroman. Einen Reflex der reichen diplomatischen Erfahrung Kennans wird man gerade darin schen dürfen, daß er dem Problem der Kommunikation und Information eine große Bedeutung zumißt. In diesem Zusammenhang gilt seine besondere Aufmerksamkeit auch den gutgläubig weitergegebenen