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"Dem Ostjuden ist Deutschland das Land Goethes und Schillers" : Kultur und Politik von ostjüdischen Arbeitern in der Weimarer Republik
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179
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Archiv für Sozialgeschichte 37, 1997 179

Ludger Heid

»Dem Ostjuden ist Deutschland das Land Goethes und Schillers«

Kultur und Politik von ostjüdischen Arbeitern in der Weimarer Republik

1. OSTJÜDISCHE ÄRBEITER IN DEUTSCHLAND

Seit den 1880er Jahren gab es infolge der zaristischen Pogrome, die in Osteuropa eine Fluchtbewegung auslösten in Deutschland Ostjuden, die zum größten Teil einem pro­letarischen und kleinbürgerlichen Milieu zugehörig waren, Insbesondere nach den in ganz Europa mit Entsetzen registrierten Pogromen in Home), Kischinew und andern­orts im Jahre 1903 erreichte die Auswanderung bzw. Flucht aus Rußland einen vorläu­figen Höhepunkt. Auch die Ereignisse um die gescheiterte russische Revolution von 1904/05 ließen viele Juden auswandern. Die Zahl der Ostjuden in Deutschland erhöhte sich so von[5000 im Jahre 1880 auf fast 90 000 im Jahre 1925. Im gleichen Zeitraum war die Zahl der gesamtjüdischen Bevölkerung mit ca. 560 000 nahezu gleichgeblieben.!

Sozial handelte es sich beim ostjüdischen Proletariat hauptsächlich um ein Handwer­ker- und nicht um ein Industrieproletariat. Die Ostjuden waren mehrheitlich nach tra­ditionell-jüdischen Wertvorstellungen erzogen und sprachen Jiddisch, An vielen war je­doch die jüdische Aufkärungsbewegung, die»Haskala«, nicht spurlos vorübergegangen, die ein modernes und säkularisiertes Judentum propagierte. Hierbei handelte es sich um eine intellektualisierte Form der Rebellion gegen Legalismus und engstirniges Dogma, das im Volk durch den Chassidismus Ausdruck fand. Unter dem Einfluß der»Haskala« verließen Juden die traditionellen Bahnen; die Aufklärungsbewegung öffnete sie für die Ideen des Sozialismus, wobei das Versprechen einer gerechten Gesellschaftsordnung für sie zusätzlich noch durch die Überzeugung attraktiv wurde, daß die»Judenfrage« nur durch eine Revolution gelöst werden könne. Sie glaubten an einen Sozialismus marxi­stischer Prägung, der, je nach ideologischem Standpunkt, auch mit einem jüdischen Na­tionalismus gekoppelt wurde.

Das sich entwickelnde jüdische Proletariat mußte erkennen, daß eine selbständige jü­dische Arbeiterorganisation vonnöten war, um die spezifisch jüdischen Interessen durch­zusetzen. Die seit den(880er Jahren einsetzende Pogrombewegung hatte deutlich ge­macht, daß die jüdische Arbeiterklasse nicht nur der allgemeinen Unterdrückung als Proletariat, sondern zusätzlich auch noch nationaler und kultureller Benachteiligung ausgesetzt war. Allein der Sprache wegen konnte sie nicht von der allgemeinen Arbei­terbewegung vertreten werden. Aus dieser Notwendigkeit heraus entwickelten sich ge­gen Ende des 19. Jahrhunderts zwei jüdisch-sozialistische Strömungen innerhalb der Ar­beiterbewegung: die Befürworter des Zionismus, die sich in der»Poale-Zion«-Bewegung zusammenfanden, und die Anhänger des»Ailgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes« (»Allgemeyner Yidischer Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland«), kurz»Bund« ge­nannt, der für eine nationale Autonomie in Rußland eintrat,

Der 1897 gegründete»Bund« stand auf dem Boden des Klassenkampfes und verfolgte das Ziel, alle jüdischen Arbeiter des russischen Reiches zu vereinen, das zaristische Re­

1 Shalom Adler-Rudel, Ostjuden in Deutschland 1880-1940. Zugleich eine Geschichte der Organisa­tionen, die sie betreuten, Tübingen 1959, 5. 164,