Rezension 
[Rezension von: Kulturgeschichte heute / Wolfgang Hardtwig, Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), 1996]
Entstehung
Seite
675
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Archiv für Sozialgeschichte 38, 1998 675

Publikationen zur allgemeinen Sozialgeschichte

Wolfgang Hardtwig/Hans-Ulrich Wehler(Hrsg.), Kulturgeschichte Heute, Ver­lag Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen 1996, 333 S., kart., 78 DM.

Glücklicherweise enthält dieser Band nicht, was der Titel verspricht: einen- durch das großgeschriebene»Heute« noch akzentuierten Versuch, festzuschreiben, was Kultur­geschichte ist bzw. sein sollte. Geboten wird vielmehr ein anregendes Panorama theore­tischer Ansätze, in einigen Fällen auch thematischer Umsetzungen des aktuellen Dis­kussionsspektrums. Und dieses Spektrum erweist sich auch hier wieder als so breit und ausdifferenziert, daß einiges dafür spräche, die vielfältigen Themen und Ansätze von dem nomenklatorischen Bindestrich zu befreien und das, was da verhandelt wird, ein­fach wieder»Geschichte« zu nennen...

Die Beiträge lassen sich in vier Themenblöcke bündeln. Der erste umfaßt zwei wis­senschaftsgeschichtliche Aufsätze. Otto Gerhard Oexle(»Geschichte als Historische Kul­turwissenschaft«) gibt der aktuellen Debatte über Kultur ihre historische Tiefendimen­sion zurück, indem er die erste große Kulturdebatte skizziert, die sich um 1900 entwickelt hat. Der Beitrag bietet ein intellektuelles Lesevergnügen ersten Ranges: Er entfaltet den Facettenreichtum der damaligen Diskussionen, der die Erkenntnis bestätigt, daß die »Geschichte der Wissenschaft[...] immer auch eine Geschichte der Erkenntnisverluste« (S. 21) ist weil auch auf dem Gebiet der Wissenschaft(das dem»wirklichen Leben« immer wieder zum Verwechseln gleicht) jede nachfolgende Generation sich neu zu der Einsicht durcharbeiten muß, daß der Eindruck der eigenen Originalität häufig die Folge mangelnder Erfahrung hier: mangelnden Lesefleißes zu sein pflegt(H. Heimpel). Be­sonders deutlich wird dies, weil Oexle an der damaligen Kulturdebatte betont, was viele für eine Entdeckung der Postmoderne halten: nämlich die sehr eng mit dem damaligen Kulturbegriff verbundene Erkenntnis, daß»Kultur« nicht wissenschaftlich behandelt werden kann, ohne diejenigen mitzudenken, die handeln, indem sie Wissenschaft betrei­ben(heute würde man diese Erkenntnis als die der wissenschaftlichen Selbstreferentia­lität bezeichnen). Oexles Aufsatz ist als Einstieg in die Denkweise der beiden wichtig­sten damaligen»Kulturalisten«, Max Weber und Georg Simmel, bestens geeignet nicht zuletzt deswegen, weil es ihm gelingt, in klaren, unprätentiösen Sätzen zu formulieren, was man viel leichter auch komplizierter ausdrücken könnte wie die meisten anderen Verfasser und Verfasserinnen dann demonstrieren! Im zweiten wissenschaftshistorischen Beitrag unter dem Titel»Psychohistorie im Zeichen Saturns. Aby Warburgs Denksystem und die moderne Kulturgeschichte« beschäftigt Bernd Roeck sich mit Warburgs Über­legungen zu einer Psychohistorie im Umfeld der Kunstgeschichte und plädiert für eine Integration kunsthistorischer Fragestellungen und Methoden in die Kulturgeschichte.

Das leitet über zum zweiten thematischen Block, zu dem hier mehrere Beiträge zusam­mengefaßt werden, die Bindestrichgeschichten behandeln, welche ihrerseits zum Umfeld der derzeitigen Mutter aller Bindestrichgeschichten, der Kulturgeschichte, gerechnet werden können. Carola Lipp(»Politische Kultur oder das Politische und Gesellschaft­liche in der Kultur«) stellt die Politische-Kultur-Forschung seit den 1960er Jahren in ei­nem Überblick dar, der mit der Kurzcharakterisierung der beiden sich heute auf diesem