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Susan Dabney Pennybacker, A Vision for London 1889-1914. Labour, Everyday Life and the LCC Experiment, Routledge, London etc. 1995, XIV+ 315 S., geb., 19,95£.
Mit dem direkt(wenngleich unter eingeschränktem Wahlrecht) gewählten»London County Council«(LCC) wurde 1889 die größte lokale Verwaltung der Welt geschaffen. Obwohl ein Teil der zuvor an die Hunderte zählenden Verwaltungsinstanzen der(um 1900) Fünf-Millionen-Metropole bestehen blieb und die Entscheidungen des LCC der Zustimmung des Parlaments bedurften, war die Verwaltungsstruktur durch seine Gründung wesentlich gestrafft. Dem LCC oblagen Aufgabenbereiche wie Kanalisation, Transport, Feuerschutz, Parkverwaltung, Straßen- und Brückenbau, städtische Finanzverwaltung, der Bau von Arbeiterwohnungen und schließlich auch die Schulen. Mit der Gründung des LCC wurde eine zukunftsweisende Antwort auf die sich verschärfende Krise der britischen Metropole gesucht. Die trotz aller Gegenmaßnahmen desolaten sanitären Verhältnisse, die Finanzprobleme der Armenverwaltung oder die prekären Wohnverhältnisse in der ständig wachsenden Stadt— solche und ähnliche Probleme, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts auftürmten, ließen sich mit dem herkömmlichen Verwaltungschaos nicht länger lösen. Doch die erstmalige Schaffung einer einheitlichen, alle Londoner Stadtbezirke erfassenden Verwaltung war nicht nur ein administrativer Akt. Sie war getragen von einer sozialen Vision. Politischer Träger dieser Vision waren die»Progressives«, eine breite lokalpolitische Allianz von Mitgliedern liberaler Wahlkreisvereinigungen, Gewerkschaftsführern, Nonkonformisten und Sozialreformern, Sympathisanten der Fabier und Mitgliedern der Londoner Arbeiterclubs. Sie alle waren durchdrungen vom Gefühl einer sozialen Mission für London, in der nonkonformistische Moralität, gemeindesozialistische Vorstellungen und städtische Autonomiebestrebungen gepaart waren. Die gemeinschaftliche Verwaltung öffentlicher Güter(Gas, Wasser) und der Appell an eine moralische Lebensführung wurden als Garantie gegen einen sozialen Kollaps der Stadt propagiert. Die Sozialpolitik des LCC war aber zugleich ein Versuchsfeld für die Umsetzung sozialistischer und sozialstaatlicher Gesellschaftskonzepte, nachdem Rufe nach einem»moralised capitalism« eine Debatte über Legitimation und Möglichkeiten zentralstaatlicher und lokaler Eingriffe in die Wirtschaft angestoßen hatten.
Die exakten Konturen der Vision blieben jedoch bereits innerhalb der heterogenen progressiven Allianz selbst umstritten. Vom bloßen Versuch, die Probleme städtischer Verwaltung administrativ in den Griff zu bekommen, reichten die Positionen bis zur Hoffnung des Gewerkschaftsführers Ben Tillett, der sich von einem erfolgreichen Londoner Modell eine staatskollektivistische Erneuerung der gesamten Gesellschaft versprach. Allerdings sind im Ethos des»Progressivism« auch eugenische Elemente unübersehbar, wenn z. B. der Arbeiterführer John Burns vom Sozialismus die»Züchtung« eines gesunden, starken Volkes erwartete. Das Projekt des»municipal socialism« wurde auf diese Weise in die große nationale Aufgabe, die Festigung des britischen Weltreiches, integriert und erfreute sich bezeichnenderweise der Unterstützung liberaler Imperialisten. Eine der wichtigsten Innovationen des LCC waren die»direct labour programmes«, die unmittelbare Beschäftigung von Arbeitskräften durch den»Council«, beispielsweise für öffentliche Bauvorhaben. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der LCC zum größten Arbeitgeber Londons avanciert.
Im Zentrum der Darstellung Pennybackers steht die Formung, die die Lebenserfahrungen der Beschäftigten durch den LCC erfuhren. Diese Fragestellung wird eingebettet in eine Erklärung des Scheiterns der 1907 abgewählten»Progressives«, das den LCC in der Folgezeit zum Symbol für die Schwächen sozialistischer Arbeitsorganisation werden ließ. Pennybacker argumentiert, daß die Enttäuschung mit dem gemeindesozialistischen Experiment auf der mangelhaften Umsetzung progressiver Versprechungen in die