Archiv für Sozialgeschichte| 63 . Band| 2023 491 DOMINIK RIGOLL/ LAURA HASSLER Forschungen und Quellen zur deutschen Rechten Teil 2 : Handlungen und Wirkungen 1 »NATIONALISMUS – EINE IDEE SUCHT HANDELNDE« Es ist einiges passiert in Bezug auf die deutsche Rechte, seitdem das Manuskript für den ersten Teil dieses Forschungs- und Quellenberichts im Herbst 2021 abge‐ schlossen wurde. So ist das Urteil gegen Beate Zschäpe mittlerweile rechtskräftig. Das Oberlandesgericht München hatte die Rechtsterroristin im NSU-Prozess als Mit‐ täterin zu lebenslanger Haft verurteilt. In Justiz, Medien und Politik wurden die von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mit Zschäpes Unterstützung begangenen zehn Morde meist als rassistisch, fremdenfeindlich oder rechtsextrem bezeichnet. Auch in den Studien, die wir für diesen Bericht ausgewertet haben, ist dies der Fall. Kaum thematisiert wurde bislang dagegen, dass die Mitglieder des NSU ihre Taten selbst als nationalistisch bezeichneten. In dem Video, in dem sie sich zu ihren Taten bekannten, ist an einem der Tatorte ein Schild zu sehen, auf dem»Nationalist bei der Arbeit« steht. 2 Auf einer Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung in Dresden trugen Böhnhardt, Zschäpe, Mundlos und ihr späterer Unterstützer Jan Morgenroth 1998 ein Banner, auf dem»NATIONALISMUS – EINE IDEE SUCHT HANDELNDE« zu lesen war. 3 Auch als Zschäpe sich im Zuge des Prozesses wenig glaubhaft von ihren Taten distanzierte, lautete ihre Formulierung, sie hege»keine Sympathien mehr für Nationalismus«. 4 Zweifelsohne ist Zschäpe eine Rechtsextreme und Rassistin, deren Handeln im Netzwerk des NSU von einer Weltsicht geprägt war, die bestimmte Menschen als »fremd« markiert und ihnen die Existenzberechtigung in Deutschland abspricht. Aus zwei Gründen erscheint es aus unserer Sicht dennoch angebracht, ihre Selbst‐ bezeichnung in den Fokus der Analyse zu stellen. Rechtsextremismus ist – genau wie Neonazismus, Neofaschismus oder Rechtspopulismus – ein Konzept, das nach 1945 in der politischen Sphäre entwickelt und von Teilen der Sozialwissenschaften übernommen wurde, um bestimmte Phänomene auf der rechten Seite des politi‐ schen Spektrums besser bekämpfen und zugleich untersuchen zu können. Was jedoch die Kräfte auf der äußersten Rechten des politischen Spektrums nach 1945 1 Wir danken Kirsten Heinsohn für ihre wichtigen Anmerkungen zu diesem Text. Außerdem danken wir allen, die uns Feedback auf den ersten Berichtsteil gegeben haben. Vgl. Dominik Rigoll/Laura Haßler, Forschungen und Quellen zur deutschen Rechten. Teil 1: Ansätze und Akteur*innen, in: AfS 61, 2021, S. 569–611. 2 Vgl. das vom antifaschistischen pressearchiv und bildungszentrum(apabiz) in Berlin erstell‐ te Transkript, URL:<https://www.nsu-watch.info/material/transkript-des-nsu-bekennervideos/> [23.1.2023]. 3 Vgl. Gideon Botsch,»Nationalismus – eine Idee sucht Handelnde«. Die Nationalistische Front als Kaderschule für Neonazis, in: Heike Kleffner/Anna Spangenberg(Hrsg.), Generation Hoyers‐ werda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg, Berlin/Brandenburg 2016, S. 74–97, hier: S. 97. 4 Frank Jansen,»Hege keine Sympathien mehr für Nationalismus«, in: Tagesspiegel, 29.9.2016.
Aufsatz in einer Zeitschrift
Forschungen und Quellen zur deutschen Rechten. Teil 2: Handlungen und Wirkungen
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