ConioOverveen, Prins Mauritslaam 10Prof.Dr. H.Sinzheimer21.8.45Lieber Freund!Unter den vielen Briefen, die ich aus Amerikaempfing, war mir einer der Liebsten der Brief von Ihnen. Er war soinnerlich herzlich geschrieben, so voll von alter Anhänglichkeit, dassich mich mit ihm nur freuen konnte in Erinnerung an die schöne alteZeit, in der wir so oft im Gedanken gemeinsam verbunden waren. Dass erzugleich im mir wieder den Gedanken an Ihren von mir so hoch verehr-ten Onkel Wilhelm wach gerufen hat, war kein Zufall. Ich habe gerade anihn in der letzten Zeit oft gedacht. Er war einer der Vorbilder meinesLebens. Das sind die Menschen, die wir wieder brauchen. Möge das zerschla-gene, innerlich verfaulte, von seiner geistigen Kultur, die es einst hatteschaulos abgefallene Deutschland den Weg zu solchen Männern wiederfinden.Was Deutsche an Gestialität, an widerlicher Vereinheit, an wirk-lichen Antimenschentum leisten konnten, haben wir nie für möglich ge-halten. Was wir hier erfuhren und vor unseren Augen sahen,einen gegangenommen war eine neue Spielart des Menschen, dessen"esen darin besteht, dass er den Begriff des Nebenmenschen aus seinemInnern ausgestossen hat. Ich denke natürlich nicht daran, das ganzedeutsche Volk verantwortlich zu machen. Ich sehe die Hauptschuld inden, was geschah, als von den Kreisen her kennend, die die sog. Flitenim Leutschland bilden: Offiziere, Professoren, Lehrer, Arzte,"dvokaten"u.s.w. Ich heffe, dass wir nun wieder in eine geregelte Korrespondenzeintreten können. Dann könne wir über diese Frage uns noch näher ver-ständigen. Ich möchte zunächst nur noch meiner Freude darüber Ausdruckgeben, dass Sie das Glück hatten, dort in Amerika, fern von all'diesemUnmenschlichen, sich weiter zu entwickeln. Wie schön ist es, jetzt inIhrem Alter mit neuen Problemen ringen zu können und wie ich hoffe,an ihrer Lösung aktiv mit zu wirken. Mit Spannung erwarte ich die Ver-öffentlichungen, von denen Sie mir schrieben, vor allen auch Ihr Buchüber den„Doppelstaat“. Sie schrieben mir, dass auch Neuren mir seinBuch über den Nationalsozialismus schicken wolle. Bis jetzt ist es nochnicht eingetroffen, wie ich überhaupt noch keinen Brief von ihm erhaltenhabe. Von Cahn-Freund, Lehran u.s.w. habe ich auch noch nichts gehört.
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