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Korrespondenz
Entstehung
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in Kirchen- und Religionsfragen erst recht zu ehrlicher Neutralitätund völliger Duldsamkeit bekennen. Wir bedürfen zur Zeit mehr ei-ner inneren als einer äusseren Umstellung. Ich verweise als Mus-terbeispiel auf die englische Arbeiterpartei.

Dagegen stehe ich der in Berlin vorgeschlagenen Union mit denKommunisten sehr skeptisch gegenüber. Die Frage ist bei weitemnoch nicht spruchreif. Gerade jetzt, wo für unserer Partei eineZeit neuer Bewährung anbricht und dazu eine Zeit von geschichtlicher Grösse, darf sie sich ihrer Selbständigkeit unter keinen Um-ständen begeben. Es wäre eine Versündigung gegen ihre ruhmvolleVergangenheit und ein verhängnisvoller Fehler für die Zukunft.Von den Kommunisten trennt uns überdies noch ungemein viel, imProgramm und ebenso in der Taktik. Wir dürfen auch nicht leicht-herzig ihre grosse Behuld an dem Machtaufstieg Hitlers vergessen,sie haben ihm durch eine kindliche Politik den Weg gehhnt und dieDemokratie in wüstester Weise Bekämpft. Und in der äusserst wich-tigen Frage der Kriegsschuld stehen wir abermals in schroffemGegensatz zu ihnen, weil wir eine Kollektivschuld des deutschenVolkes nachdrücklich verneinen, Vergessen wir auch nicht, dassein Bündnis mit den Kommunisten uns die Gewinnung anderer starkerWählerschichten und damit die Entwicklung zu einer wirklichen Volks-partei sehr erschweren, wenn nicht unmöglich machen würde. Derkommunistische Wunsch ist übrigens nicht ganz selbstlos. Die Par-tei fühlt sich unsicher und ist anlehnungsbedürftig. Denn selbstin der russischen Zone sind ihre alten Kampfmethoden nicht mehrmöglich, in den anderen Zonen hängt sie völlig in der Luft. DieFrage eines Zusammenschlusses mit den Kommunisten muss mit kühlerSachlichkeit behandelt werden, und mag das Herz zehnmal Ja sagen,der abwägende Verstand sagt umso eindringlicher Nein.

Ich bin am Schluss. Ich habe hier Bedenken ausgesprochen,Grenzen gezeigt und gleichzeitig sehr nachdrücklich auf neue Erfor-dernisse verwiesen. Ich habe dargelegt, dass auch die Parteien inlebhaftem Fluss der Entwicklung stehen und sich unablässig verän-dern müssen, wenn ihnen nicht der Untergang drohen soll. Und auchunsere Partei kann nur entwicklungsgeschichtlich betrachtet werden.Die alte sozialdemokratische Partei ist dahin. Ihre Mission isterfüllt, und jetzt muss die Partei ganz neu geschaffen werden miteinem neuen Programm, mit dem Zustrom neuer Menschen und auch mitneuen Organisationsformen. Vor dieser neuen Partei werden Aufgabenvon grösster geschichtlicher Bedeutung stehen, vor allem wird sie-als dem einzigen Heilmittel dieser furchtbaren Zeit allen Erschwer-nissen und äusseren Hemmungen zum Trotz beharrlich und folgerichtigauf den Sozialismus hinsteuern müssen. Dazu gehören Führer mitstaatsmännischer Begabung und seherischem Blick. Die Aufgabe istungeheuer schwer, aber die Zeit verlangt gebieterisch, dass der Wegbeschritten wird, und einstens wird die Nachwelt darüber richten,ob die Sozialdemokratie dieser ihrer neuen geschichtlichen Sendunggewachsen gewesen ist. In den Zeiten grösster Not unseres Volkesschreitet die Partei der Stunde ihrer höchsten Bewährung entgegen,

Geschriegen Anfang Januar 1946 in Gönningen bei Reutlingen ).

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