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Ich glaube beinahe, jetzt muesste ein guter Redakteur und Politiker inDeutschland so etwas wie ein Seelsorger oder Psychiater sein, der mitgroessten Schonung, Nachsicht und Geduld ein krankes Volk zu neuenFrkennissen fu fuehren sucht. Dazu ist eine ernste Selbstpruefung not-wendig. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die politische Willens-bildung in Deutschland , wie sie sich in Parteien formt, auch nur in ihrenAnfa engen abgeschlossen wa ere. Uebrigens kann ich von hier aus nichtbeurteilen, wie sehr aeussere Umstrende unsere Freunde am Aussprechendessen hindern was ist. Ich bin sicher, dass die neue Redaktion Ihren" geharnischten Prief genau so beacht t hat, wie die wenigen ermun-ternden Worte, die ich von der pa zifischen Kueste nach Koeln geschicktha be, als mir eine Gesinnungsfreundin in New York den Beweis dafuerzusandte, dass Freiligraths" stolze Rebellenleiche wieder einmal ih-re Auferstehung gefeiert hat.
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Es freut mich, dass Sie waehrend des Krieges meine durchge-schmuggelte Zeile erhalten ha ben:" Wir kapitulieren nie.S." Wahr-scheinlich haben die Nazizensoren das nicht richtig verstanden. Finedeutschnationale Bekannte erinnerte mich neulich in einem Briefe,dass ich ihr wa ehrend des Krieges auf Umwegen eine Weihna chtskartegesandt ha be mit dem handschriftlichen Zusatze" Warte nur balde..." 1Sie ha t sich a muesiert, dass" die Nazinarren und ihre Zensorenda s durchgehen liessen." Es gehoerte fuer uns zu den wenigen politi-schen Lichtblicken.ab und zu ein paar Na chrichten in das besetzteDeutschland gelangen zu lassen und Antworten zu erlangen. Dabei hatsich meine schon frueher gemachte Erfahrung bestaetigt, dass Partei-grenzen nicht immer gelten. Man fuehlt sich mancher tapferen Seelena he, die in einer anderen Partei oder gar in einer Kirche stand.Unsere Vaeter waren doch eigentlich sehr weise, der Parteiden Namen" Soziale Demokratie zu geben. Dieser Name hat gar nichtsmit Marxismus oder ueberhaupt einer einengenden Theorie zu tun. Fsist auch nicht der Name einer Klassenbewegung, die sich auf die indus-trielle Arbeiterschaft und ihre Nachbargruppen beschra enkt. Sozial-demokratie koennte so recht das Pa nnerwort der groessten Volksbeweg-ung in jeder Nation werden. Fs koennte alle Kraefte sammeln, die fuereine neue gerechtere Sozialordnung und fuer die Gleichberechtigungjedes Menschen eintreten. Das koennen in philosophischem Sinne Mate-rialisten sein und Idea listen, Freidenker oder Christen oder Juden,Bauern, Arbeiter, Gelehrte oder Geschaeftsleute. Freilich waeredann notwendig, da ss man entschlossen aufgibt, die volks- und welt-weiten Ideen des Sozialismus, die uebrigens uraltes Gedankengut sind,durch Klassenkamp fideologien einzuengen. Das stoesst alle ab, die diematerialistische Geschichtsdialektik a blehnen oder ihr doch eineviel geringere Bedeutung beilegen als die Marxisten. Karl Marx und Friedrich Engels und Lenin repraesentieren doch nur eine, wennauch sehr wichtige Linie der sozialistischen Geistesgenealogie. Psliessen sich vor und na ch Lassalle eine lange Liste von gedanken-tiefen und weltweisen Sozialisten aufza ehlen, die nicht Marxistenwaren: Proudhon, Weitling, Kingsley, Keir Hardie , Jaures und vieleandre. Man koennte fra gen, ob einige von ihnen nicht aufgeschlosse-ner waren als Ma rx und Engels und einen gesuenderen demokratischenInstinkt offenbarten, weil sie die totalitaeren Ansprueche vermieden,die seit dem Kommunistischen Manifest die kommende Alleinherrschaftder Marxisten proklamierten. Die einzige sozialistische Partei, diein einer Grossmacht in verhaeltnismaessig kurzer Zeit eine parla-mentarische Mehrheit eroberte, ist die British Labor Party, und siewar als ganzes gesehen immer absolut antimarxistisch. Deshalbhat sie stets reiche Kraefte aus der" buergerlichen Intelligenzund grosse Teile von Kirchenchristen angezogen, auch zahlreichepfa rrer. So wurde der beiden Teilen verhaengnisvolle Kampf zwischenChristen und Sozialisten vermieden. Ohne jede Streiterei uebernahmendie Britischen Sozialisten alte pa rlamentarische und monarchistische,soga r koloniale raditionen. Sie zenkten sich nicht ueber monar-
chische Repra esenta tionspflichten, nicht ueber" Hofgaengerei"und andre Lappalien, die viele Jahre das deutsche Parteileben ver-giftet haben Kleinlichkeit war eine der Charakteristiken der deutschen Sozialdemokratie, wie aus na heliegenden geschichtlichen UrsachenKleinlichkeit eine Eigenart der meisten Deutschen ist, in allenKlassen, in allen Pa rteien, in allen Kirchen.
In der Sozialdemokratie erwuchs a us einer allzu selbstsi-cheren" wissenscha ftlichen" sozialistischen Haltung eine Art mar-xistischer Theologie.Diese Geisteshaltung vernachlae sigte aus tie-tem Ernste ueber vielen Disputationen die Entwicklung des politischenMachtwillens und die Vorbereitung demokra tischer Verwaltungsaufgabenund sozialistischer Wirtschaftsplanung.. Allzugruendliche Theoreti-iererei macht politisch impotent. Man braucht nur heute die Parteitagsdeba tten von vor 1918 nachzulesen, um zu sehen, dass di3 Sozialdemo-