Der Adressat dieses Briefes ist Dr.h.c. Johann Meerfeld . Fr war mein Vorgaenger in der Chefre-daktion der Rheinischen Zeitung in Koeln . Ich warmit ihm Mitglied der Verfassunggebenden National-Versammlung in Weimar . Bald danach wurde Meerfeld einer der Puergermeister der Stadt Koeln undschied aus dem pa rla mentarischen Leben aus. Fr blieb aber ein Mitglied der hoechsten Koerper-schaften der rheinischen und deutschen Sozialdemokratie. Freund und Gegner repektieren Dr. Meer-feld a ls einen selbststaendigen politischenDenker.
William F. Sollmann
Frueher langjaehriger Chefredakteur derRheinischen Zeitung und Peichstagsabgeordneter.
Seit 1937 an der Fakultaet von Pendle Hill,Zentrale fuer Religioese und Soziale Studienin Wallingford, Pennsylvania , U. S. A.
Lieber Meerfeld : Ihr langer freundschaftlicherpolitischer Brief erwartet eine Antwort. Ich werde sie so fassen, dassich sie auch an andre Freunde in der alten Heimat senden kann, die michum meine Meinung bitten. Indem ich an Sie schreibe.an den Mann, der michvor vielen Jahren in den sozialdemokratischen Journalismus eingefuehrthat und da mit zum wesentlichen Teil in meine politische Laufbahn,werde ich wohl am Besten dem na heliegenden Verdachte begegnen, dassich mir a us der Ferne irgendwelche Autoritaet anmassen wollte. Dasliegt ganz a usserhalb meiner Absichten. Ob meine Entscheidung richtigwar oder falsch, madahin gestellt bleiben: als Hitler's Diktaturvier Jahre geda uert hatte und ich, wie viele andre, den zweiten lan-gen Weltkrieg und Deutschlands Niederlage fuer unvermeidlich hielt,wusste ich, dass fuer mich eine fuehrende politische Betaetigung indem zu erwartenden Nachkriegsdeutschland nicht mehr in Frage kommenkoennte. Da her entschloss ich mich in dem Lande William Penns, Fen-ja min Franklins, Thomas Jeffersons, Abra ham Lincolns und WoodrowsWilsons, die a lle viel zu meinem politischen Denken beigetragen ha-ben, Puerger und Lehrer in Politik zu werden. So glaubte ich mein so-zialdemokra tisches Lebenswerk am Besten fortsetzen zu koennen. Ichfuehle das heute mehr denn je.Fs mag wohl sein, dass ich in kommendenJahren a 1s amerika nischer Buerger und in voller Loyalitaet zuden Vereinigten Staaten mehr fuer die Rettung und den Aufbau derdeutschen Demokratie tun kann als drueben, wo mich tausend Dinge hin-der wuerden, die hier fortfallen. Ich empfinde tief, dass mein mehrals 13ja ehriges Fernsein von Deutschland und mein-wenn auchbescheidenes- Wohlleben hier mir jede Kritik an den Freunden drue-ben beinahe unmoeglich machen. So wollen Sie bitte auch verstehen,da ss ich in einem ganz anderen Sinne an die neue Rheinische Zeitunggeschrieben habe, als Sie es ta ten. Sie waren keineswegs der einzige,der sich mir gegenueber kritisch ueber das Platt geaeussert hat. Finfuehrender politischer Gegner der Sozialdemokratie schrieb mir ausDeutschland , da ss die alte" Rheinische" turmhoch ueber der jetzigengesta nden ha be. Das mag richtig sein oder uebertrieben, jedenfallshalte ich es nicht fuer gerecht, die jetzige Redaktion an den Verhaelt-nissen zu messen, unter denen wir zu arbeiten das Glueck hatten, ichdem, wasnoch mehr als Sie. Vielleicht stehe ich zurzeit auch unterdie Englaender" the enchantement of distance" nennen, den Zauber derweiten Entfernung, der Freude, endlich wieder einmal den hundert Jahrealten Kampftitel" Rheinische Zeitung " zu lesen. In einem allerdingsglaube ich, dass die neue Rheinische Zeitung sich von der unter Ihrerin dem Masseund meiner Fuehrung unters cheiden muss; sie kann nichtein.wie frueher eine politische Parteifa hne sein. Ob sie das wiedermal werden wird, weiss ich nicht. Zurzeit in dem Flends-Deutschland,in seinen Truemmerstaedten, mit seinen hungernden apathischen Menschendie a ussenpolitis ch entrechtet und gefesselt sind und innenpolitischsich in einem unkleren Uebergangsda sein befinden, zurzeit sollte jederWort a uf diese kra nken Seelen Ruecksicht nehmen.