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Nächster Tag" Gestern abend kam Dein lieber, lieber Brief, an dem ichnur eins vermisse: ein Wort über Dein Befinden. Gestern, a; s der Mondso zauberhaft die Landschaft beleuchtete und ich allein droben am Berg-abhang sass, kam wieder einmal ein Anfall von Verzweiflung über michdass ich schliesslich hinunter in mein Zimmer lief, die Läden schlossund die englischen XXXpXXIX Fabrikinspektorenberichte vornahm, ummich möglichst schnell selber zu vergessen. Sobald ich mir meiner eigenenLage bewusst werde, voll bewusst sobald ich aufhöre aufzugehen in derArbeit, in der Menschheit, sobald breche ich auch zusammen. Das sageich Dir nur und muss doch fürchten, dass Du mich deshalb minder achtest.Oder irre ich mich? Darf ich Mensch sein vor Dir? Ich hoffe es. Duweisst ja auch, dass solche Stimmungen vorüber gehen. und jetzt leichterund schneller als früher, weil der Gedanke an Dich mich die Einsamkeitvergessen lässt
Und nun, mein lieber Heinz, habe ich Dir zu antworten: Wenn Du einreicher Mann wärest und keine Kinder hättest, so würde ich mich keinenAugenblick besinnen und Deine Hilfe in Anspruch nehmen. Aber als Deineverständige Schwester muss ich Dich verhindern, Deinem grossen, grossenguten Herzen zu folgen. Du weisst nicht, wie gross Deine Familienoch wird Du weisst nicht, ob nicht Krankheiten Reisen und Kuren fürDich und die Deinen nötig machen. Du weisst dagegen, dass ich nicht inNot bin..... Trotz aller Arbeit habe ich stets Zeit zum Studieren übrigbehalten, denn ich habe z.B. ziemlich systematisch, solange mein Mannlebte philosophische Bücher gelesen. Was mir jetzt fehlt, ist die An-leitung, und wo fände ich sie besser als bei Dir? Ich könnte Dir ver-sprechen eine fleissige Schülerin zu sein.
Ich glaube überhaupt an nichts Uebersinnliches. An das, was ich sehenund erfahre, glaube ic; an Dich, Du geliebter FreundDu geliebter Freund, an Deine Liebeund Treue. Und an die Not der Welt glaube ich, und an unsere Kraftsie zu bekämpfen! Ich muss schliessen, obwohl ich den ganzen Tag mitDir reden ohte. Sei gegrüsst Du Guter, Lieber von Deiner
bis in den Tod getreuen Lily.
So ging die Zwiesprache ohne Unterlass weiter. Wenn sie den Brief zur Postbrachte, empfing sie dort einen anderen.
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... Manchmal, wenn ich über das in den letzten Tagen Erlebte nachsinnekommt es mir vor als träumte ich ein Märchen, in dem ein bezauberndesKönigskind einen MXXX* armen Hirten beglückt. Seh' ich aber näher zu,dann ist's gar kein Märchen und kein Traum sondern holdeste Wirklichkeit:Du bist ein Königskind, bist es durch den höchsten geistigen Adel, undmich, der Deiner so wenig wert ist, beglückst Du durch die zärtlichsteFreundschaft.- Wenn ich Dir doch nur so danken könnte, wie ich dasmöchte dadurch dass ich Frohsinn und Glück in Dein Leben bringe undDir die Bahn frei mache zur Entfaltung Deiner reichen GabenBesonders gütig war in Deinem heutigen Brif die Art, wie Du von meinerFrau sprichst. Ich freue mich von Herzen, dass Du ihr mit Wärme entgegenkommen willst, und ich hoffe, dass zwischen Euch das herzlichste, ge-schwisterliche Verhältnis sich entwickeln wird. Meine Frieda ist so rein,so gross und so frei, sie wird uns gewiss verstehen. Wenn wir nur rechtbald in voller Offenheit miteinander verkehren könnten: Ich empfinde dieunvermeidliche Zurückhaltung, die wir im Moment uns auferlegen müssenwie etwas unwürdiges; aber es ist alles so überstürzend schnell gekommen.dass wir selbst in manchem Momenten wie vor einem Rätsel standen, unddazu ist Friedas Zustand ein sehr leidender-im Augenblick, sodass wirschon eine gewisse pädagogische Vorsicht beobachten müssen. Hoffentlichwird das bald anders sein können. Deinen nach Stahnsdorf gerichteten Briefwerde ich ihr heute abend, wo sie von Danzig zurückkehrt übergeben....Wenig erfreut bin ich, dass die ruhige Stilledass die ruhige Stille, die ich in Brunkühlfür Dich wünsche, durch allerlei Besuch gestört wird. Schon schlimm ge-nug, dass Dein Redaktions- Train Dir fortwährend folgt, und ich Dich mitmeinen Briefen beunruhige. Eigentlich solltest Du jetzt, wie ein indischerHeiliger in tiefster Waldeinsamkeit leben. Das täte Dir am besten