Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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JA

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Dass die Atmosphäre des elterlichen Hauses auf die empfängliche See=le des heranwachsenden Mädchens stark gewirkt haben müsse, sei schonan der zwölfjährigen zu merken gewesen. Doch den ersten, ihr bewusstwerdenden sozialen Eindruck scheine die Einundzwanzigjährige erhal=ten zu haben, als sie im sächsischen Erzgebirge den ihr bis dahinunbekannt gebliebenen Gegensatz zwischen den reichen Fabrikanten undden armen Spinnern und Klöpplerinnen erlebte.

Äusserlich soll Luise Otto einen zarten und schüchternen Eindruckgemacht haben. Umso stärker wirkte es, wie sie sich" mit merkwürdig1)klarem Blick" für die Abhilfe der von ihr erkannten Mißstände ein=setzte. Dann wirkte sie furchtlos und sicher. Von dem Druck der imErzgebirge gemachten Erfahrungen suchte sie Befreiung im Schreiben:es entstand der Roman" gloss und Fabrik". Sie schilderte darin ihredas Buchde von der ZensurErlebnisse ohne konventiielle Rücksichten EXverboten. In einer Audienz beim sächsischen Kultusminister bewirk=te sie aber die Freigabe, wenn auch mit einigen Streichungen.

Die" Vaterlandsblätter", redigiert von Robert Blum , dem unter ExxBruch der Verfassung im Herbst 1848 in Wien erschossenen Freiheits=kämpfer, warfen im Jahre 1844 die Frage auf:" haben Frauen ein Rechtzur Teilnahme an den Interessen des Staates?" Luise Otto gab dieAntwort in einem enthusiastischen Artikel. Die Teilnahme am Staatsei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht der Frauen. DieBegeisterung, mit der Luise Otto von Robert Blum und seinem Freun=deskreis aufgenommen wurde, hat auf sie zurück gewirkt. Davon zeugenihre" Lieder eines deutschen Mädchens", die" echt, aufrichtig, undmit heiligem Ernst" den Geist der Zeit) wiederspiegeln. Später hatman sie" die Lerche des Vorfrühlings" genannt, im Hinblick auf die=se Lieder, zunächst aber dachte man noch nicht an poetische Verklä=rung der Kämpfer; denn die Forderungen des Tages waren zu nüchternund zu schwer.

Der gesellschaftliche Strukturwandel zwang immer mehr Frauen indie gewerbliche Lohnarbeit hinein; und wenn man auch sagen kann, dasses gerade diese Arbeit war, die dat die Frauen aufrüttelte und ihrerKraft und ihrer Rechte bewußt machte, so brachte sie doch viel Leidund Kummer über sie. Die aufrüttelung der weiblichen Welt wäre kaumso nachhaltig und klärend gewesen und hätte nicht so stark die Arbei=terbewegung beeinflusst, wenn nicht Wissenschaftler und geistige Pio=niere wie Karl Marx und Friedrich Engels die Frauenerwerbsarbeit alsgesellschaftlichen Faktor gewürdigt hätten. Erst die wissenschaftlichbegründete Erkenntnis wurde Allgemeingut und ein Mittel, die Ketteder Vorurteile, die die Frauen band, Glied um Glied zu lösen.

Luise Otto erkannte die Hindernisse, die den Frauen in ihren Be=