Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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führten sie zum Sozialismus.

1882 stand sie in Darmstadt vor Gericht. Folgendes war derGrund: In einer Versammlung sprach Gertrud Giulleaume überdie ihr am Herzen liegende Frage der Prostitution. Ihr Auf-treten war immer maß- und taktvoll, aber die Dinge, die siezu erwähnen hatte, waren schmutzig. Sie hatte in der fragli-chen Versammlung erzählt, daß sie nach einer Unterhaltung miteinem Polizei- Präsidenten nunmehr folgern müssen, daß es indas Belieben der Bolizei gestellt sei, ein- Hädchen einen" Be-weis" als genügend oder ungenügend anzusehen, ob ein Mädchenaus der Sittenkontrolle entlassen werden könne oder nicht.Daraufhin war die Versammlung polizeilich geschlossen worden,man hatte bei Gertrud Giulleaume eine Haussuchung vorgenom-men und hatte sie angeklagt. Der Prozess endete mit einemFreispruch, war aber in seinem Verlauf eine beträchtlicheNervenprobe. Der Staatsanwalt hatte übrigens in seinem Plä-doyer festgestellt:....... man sah Sitte , Anstand undöffentliche Moral mit Füßen getreten....", aber er meinte....",nicht die Ursache sondern den Anlass des Prozesses.

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Im März 1883 brachte der" Deutsche Kulturbund", als Ergebniszweier Versammlungen, eine Petition an den Reichstag , dieeine sehr ausführliche Charakterisierung der bestehendenstrafrechtlichen Bestimmungen, die Reglementierung der Pro-stitution betreffend, und ihre Anwendung war. Sie schloßmit der Bitte, die Reglementierung abzuschaffen, denn siewiderstreite jedem göttlichen Gebot und menschlichem Ge-setz. Die Petition verweist auch auf die Ungerechtigkeit,daß die Sittenpolizei angewiesen wurde, ein scharfes Augeauf den" ärmeren Teil der weiblichen Bevölkerung" zu haben,und daß sich selbst ein zu Unrecht verdächtigtes Mädchen nurdurch eine negativ ausfallende ärztliche Untersuchung vondem Verdacht der Prostitution reinigen könne, auch dann, wenndie Eltern für ihr Kind einstünden. Der Verdacht, daß der" Deutsche Kulturband" mit den Sozialisten Hand in Hand gehe,wurde bei der Polizei immer stärker, aber erst 1885 bekanntesich Gertrud Guilleaume offen zur Sozialdemokratie. Mit ihrtat es Frau Marie Hofmann, die ebenfalls dem gebildeten Bür-gertum angehörte und stellevertretende Vorsitzende im" Deut-schen Kulturband" war. Beide Frauen drängten zu einem ver-einsmäßigen Zusammenschluß der Arbeiterinneni in der Form undTendenz schwebte ihnen der alte, von der Polizei 1877 auf-