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Minna Kautsky( 1837-1912)
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Sie war die Mutter von Karl Kautsky , dem wissenschaftlichenVeteranen der internationalen, sozialistischen Arbeiterbe-wegung, Interpreten der Schriften von Karl Marx und Fried rich Engels , Verfasser vieler Bücher und Schriftendie die Büchereien der deutschen und vieler ausländischerUniversitäten nicht verzichten können. Sie war es, die demSohne von ihren guten Gaben mitgab, was für seine Lebensleis-tung wichtig werden sollte, die Intelligenz, das Einfühlungs-vermögen, dazu Aufgeschlossenheit, Fleiß und Ausdauer.Minna Kautsky geb. Jaich stammte aus Gratz in der Steier mark . Sie war das älteste von sieben Kindern eines Kunst-malers, der dringende materielle Sorgen hatte. 1845 bekamder Vater eine Anstellung als Bühnendekorationsmaler amDeutschen Landes theater in Prag . Hier erlebte das phanta-siebegabte, temperamentvolle Kind, die 48er Revolution.Sie war schon als genug, um die Barrikaden in Erinnerung zubehalten, die in der Nähe des Elternhauses errichtet wordenwaren, und auf denen sie zunächst mit anderen Kindern ge-spielt hatte, über die sie hinweggeklettert war, wenn sieMilch holen ging. Doch dann war es blutiger Ernst geworden,die Barrikaden wurden verteidigt und erobert, und von denHöhen der Festung herab hatte der Fürst Windischgrätz Wohn-viertel in Brand schießen lassen. Mutter und Kinder saßenim Keller, Angst im Herzen um den Vater, der in der Buger-wehr kämpfte.
Elf Jahre war Minna damals, und um diese Zeit erhielt sieden ersten geregelten Unterricht in einer zweiklassigenVolksschule. Diese zwei Jahre waren alles, was sie an Schul-unterricht genoß. Der Vater bemühte sich zwar, ihre Wissens-lücken etwas auszufüllen, aber Arbeit und die bei der großenFamilie nie endenden materiellen Sorgen ließen nicht vieldaraus werden; seine Eignung zum Lehrer war wohl auch nichtsehr groß. Die Lücken in ihrer Bildung hat Minna späterschmerzöich empfungen. In janen Kinder- und Jungmädchen-jahren mag die bewegte Welt des Theaters sie so ausgefülltund angeregt haben, daß sie keinen Mangel fühlte. Ihre Phan-tasia fand auf der Bühne reiche Nahrung, und Talent und Nei-gung führten sie zur darstellenden Kunst. Zugleich sah sieauch, frühreif, wie sie gewesen sein muß, daß die Familieeine wirtschaftliche Entlastung nötig hatte, und so stand