Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
Einzelbild herunterladen
 
  

-30-

dieser Art war Clara nicht, ihrem Temperament nach mußte sieherrschen. Der Hang zum Herrschen und die eben gezeichneteWeisheit aber schließen einander aus.

Bei der sachlich sehr engen Busammenarbeit der Genossen kames, auch wenn sie die Frauenrechte bejahten, leicht zu Span-nungen besonders mit einer Frau wie Clara Zetkin . Die Kampfund Abwehrstellung, die sich bei den Debatten auf beiden Sei-ten bildete, ist schon beim bloßen Durchblättern der Partei-tagsprotokolle erkennbar.

Und die Frauen? Alle eraknnten ihren scharfen Verstand, ihrenIdeenreichtum an, viele beugten sich ihrer Energie und Dia-lektik; die sie liebten und verehtten waren wenige. Jahr-zehntelang hat sie die Frauenkonferenzen beherrscht. Anre-gungen, die von ihr ausgingen und solche, die sie aufgriff,fanden ihren Niederschlag in der Bewegung durch die reichenMöglichkeiten, die ihr offenstanden.

Clara's Interesse für kulturpolitische, besonders für Erzie-hungsfragen kam in der Frauenkonferenz in Bremen 1904 zumAusdruck, als sie im Hauptreferat über Schule und Erziehungdie Volksschule als Armenschule geißelte und manches sagte,was heute in der modernen Pädagogik noch gültigkeit hat. Aufdem Parteitag in Mannheim 1906 teilte sich Clara Zetkin mitHeinrich Schulz in die" Schul- und Erziehungsfrage". Sie über.nahm die in Leitsätzen niedergelegten Gründsätze über dasproletarische Elternhaus, die Selbsterziehung und die prak-tischen Bildungsaufgaben der Partei. Schon vor Beginn ihrerRede war ihr nicht wohl; aber sie überwand ihre Schwäche undsprach anderthalb Stunden geistvoll wie immer. Erst dannverließ sie unter tosendem Beifall das Rednerpult, wenn auchvöllig erschöpft.

Von 1914 an stand Clara Zetkin auf der Seite derer, die dieKriegspolitik der Sozialdemokratie nicht billigten. Sie setzte sich in der" Gleichheit" praktisch zu dieser Politik inGegensatz. Sie versuchte, die durch den Kriegsausbruch abge-rissenen Fäden zu der Internationale wieder neu zu knüpfen.Der Zweck sollte sein, die sozialistischen Frauen in allerWelt als Kriegsgegner zu aktivieren und 1915 brachte sieauch wirklich in Bern eine internationale Frauensitzung zu-stande. 1916 wurde Clara ihres Amtes als Redakteurin der" Gleichheit" enthoben, 1917 schloß sie sich der UnabhängigerSozialdemokratischen Partei Deutschlands " an. Sie warnte da-mals vor einer Gründung der Kommunistischen Partei, abernach deren Gründung trat sie ihr dann bei, ebenso der Kom-