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Wir Späteren sind gewohnt, Rosa Luxemburg dicht bei Clara Zetkin zu sehen, deren Freundin und Mitstreiterin sie jaauch war. Und doch war sie von ihr so sehr verschieden,menschlich und auch politisch. So waren" Frauenrechte gar=nicht ihr Arbeitsgebiet; ihre Arbeit setzte voraus, daß esGleichberechtigung gäbe. Darum zu kämpfen, war ihr kein spe=zielles Anliegen, das überließ sie gern anderen Kräften.Auch die politischen Leitartikel, die sie der" Gleichheit"gab, waren nicht um der Frauen, sondern um der Politikwillen geschrieben. Die Politik, nämlich das Gemeinschafts=leben aller Menschen- selbstverständlich auch der Frauen-war ihr Lebensinhalt. Man könnte vielleicht besser und rich=tiger sagen, der Mensch in seinen Beziehungen zur Gemeinekschaft war es, der sie von Jugend auf brennend interessier=te und beschäftigte.
Es ist nicht der Zweck dieser kleinen Abhandlung, indie Meinungs- und Richtungskämpfe einer vergangenen Epocheeinzudringen. Wir wollen nur das sagen, was zum Verstehendieser Persönlichkeit notwendig ist. Es ist immer wiederreizvoll, sich mit dieser interessanten Frau, der Politike=rin, der Rednerin, der Schriftstellerin zu beschäftigen.Rosa war das besonders geliebte Kind einer sehr kulti=vierten jüdischen Familie in Polen . Ihr Geburtsort, das kleine Landstädtchen Zanose in Gouvernement Lublin , stand unterzaristischer Herrschaft, wie damals ganz Polen . Ihr Vaterwar Kaufmann; als Rosa 3Jahre alt war, siedelte die Familienach Warschau über. Sieben Brüder sorgten sich mit den El=tern um das zarte und besonders intelligente Kind, das durchein Hüftleiden daran gehindert war, mit andern Kindern herumautollen. Sie hatte schon mit fünf Jahren lesen und schrei=ben gelernt, und versuchte ihre Kunst am Personal des Hau=ses. Da das aber meist analphabetisch war, korrespondiertesie von Zimmer zu Zimmer mit Eltern und Ceschwistern. Diegeistig- kulturellen Interessen der Familie lagen vorwiegendin Deutschland , doch wurde, besonders von dem liberalen Va=ter, die polnisch- östliche Kultur nicht vernachlässigt.Mankann annehmen, dass Rosa schon in ihrer Warschauer Gymna=siastenzeit Fühlung mit jungen Revolutionären hatte. Es is*entsprach dem Freiheitswillen der damaligen polnischen Jugend, die im Zaren ihren Unterdrücker sahen, dass sie revolu=tionär empfand. Das Rosas revolutionäre Neigungen sich nichtzu einseitig polnisch- nationalre Sicht verengten, davor be=wahrten sie die deutschen kakixxk******* XXXX Interessender Familie.
Ein so intelligentes Mitglied der revolutionären Ju=gend war im zaristischen Polen bald gefährdet. Daher be=schloss das" Komitee", Rosa um ihrer Sicherheit willen zuveranlassen, außer Landes zu gehen. Sie hatte gerade dasGymnasium mit Erfolg absolviert und war 19 Jahre alt, als siein ihrer Schülertracht, noch mit der Schürze des Gymnasiums,unerfahren, klein, körperlich behindert in der Schweiz ankamDas Hüftleiden zwang sie, lahm zu gehen, als unansehnlichwird sie beschrieben, und doch errang sie sich kraft ihresWillens und ihrer Intelligenz die Achtung der Studentenschaftund der in der Schweiz lebenden politischen Emigration. DieAnerkennung der polnischen revolutionären Bewegung genügteihr nicht, die deutsche und die französische interessiertensie im selben Maße.