-33-
1893 trat sie zum ersten Male vor die internationale Öffent=lichkeit beim Züricher Internatiohalen Sozialistenkongress,wo sie allgemeines Aufsehen erregte. Sie legte bei dieserGelegenheit eine umfangreiche Arbeit über die nationalrevo=lutionären********* und die sozialistischen Strömungen inPolen vor. 1897 reichte sie Doktorarbeit" Über die industrielle Entwicklung Polens " ein und promovierte mit dieser in denStaats- und Wirtschaftswissenschaften. Der Zweckt ihres Aufent=haltes in der Schweiz war damit erreicht. Rosa wollte keindauerndes Emigrantendasein führen, und so lieb und wertvollihr die Jahre gewesen waren, so x treu sie den in Zürich geschlossenen Freundschaften- ihrem Landsmann Leo Jogiches und dem deutschen Sozialdemokraten Karl Lübeck und seinerFamilie ihr Leben lang blieb, sie brach ihre Zelte ab undging zunächst nach Paris , wo sie sofort in Verbindung mitden Kämpfern derf französischen Arbeiterbewegung trat. Nachkurzem, und für die aus dem Osten gekommene Rosa besondersaufschlussreichen Aufenthalt dortris kam Rosa nach Deutsch =land. Ihr als Russin wäre es im R******** яk damali=gen Deutschland niemals möglich gewesen, vollberechtigteStaatsbürgerin zu werden und politisch zu arbeiten, Daherschloss sie mit dem Sohn der in der Schweiz gewonnenen Freun=de, mit Gustav Lübeck eine Scheinehe, durch die sie auto=matisch Deutsche wurde.
In jenen Jahren, schon beim Stuttgarter Parteitag 1898,wo wir Rosa zum ersten Mal im deutschen Parteileben begegnen,waren die Auseinandersetzungen zwischen Radikalismus und Re=visionismus in vollem Gange. Rosa Luxemburg beteiligte sichlebhaft daran in Wort und Schrift. Sie entwickelte dabei ih=ren großen Ideenreichtum und ihre erstaunliche Fähigkeit, diesozialen und psychologischen Probleme der modernen Arbeiter=bewegung zu erfassen. In der" Neuen Zeit" und auch in der Ta=gespresse darüber zu lesen war für uns damals ein Erlebnis.Und wenn man Rosa Luxemburg sprechen hörte war man tief be=eindruckt von dieser Frau.Sie hat bei diesen Auseinanderset=zungen manchmal geirrt; aber es ist ein anders, ob sich je=mand öffentlich am Widerstreit der Meinungen beteiligt, odernur als Zuhörer und Leser. Worauf es hier in diesem Lebens=bild ankommt, ist dies: eine kluge Frau kämpft mutig und un=erschrocken um die Durchsetzung ihrer Meinung, weil sie siefür richtig hält, weil- nach ihrer Meinung davon für denGang der Geschichte und das Schicksal der Arbeiterklasse sehrviel abhängt.
Rosa hatte sich, nach ihrer Übersiedlung nach Deutsch =land die Anerkennung eines grossen Teils der führenden Genosssen erworben, darunter August Bebel , Paul Singer , Franz Meh=ring. Mit Clara Zetkin und Kautskys verband sie innige Freundschaft. Aber in den innerpolitischen Auseinandersetzungenstand sie Männern gegenüber, die es nicht gewöhnt waren, mitFrauen die Klinge zu kreuzen. Diese theoretischen Ausein=andersetzungen waren hart% 3B sie wurden nicht von Männern ge=führt, die durch eine diplomatische Schule gegangen waren.Hier berühren wir ein Gebiet der Geschlechtspsychologie, dasauch heute noch nisht restlos geklärt sit, an das amn aberdamals noch kaum dachte." Sie sei" so schrieb sie an Bebel ,2von Anfang an in derdeutschen Sozialdemokratie einer merk=würdigen Aufnahme begegnet".
Als 1898 zwei Redakteure aus Sachsen ausgewiesen wor=den waren, hatten sie Rosa als ihre Nachfolgerin bestimmt.