Über Lily Braun wissen wir viel und ihre in der Parteistark umstrittene Persönlichkeit steht uns Alteren zeitlichnoch sehr nahe. Um so schwieriger ist es, ein knappes Bildvon ihr zu zeichnen. Sie selbst hat dem inneren Drang eineraufgerührten und verwundeten Seele folgend versucht, Re-chenschaft über sich selbst zu geben, über die sie bewegen-den Motive und über die Enttäuschungen, die sie erlitten hat.Sie wählte die Form des Romans. Liebende, Verstehende Freund-schaft und künstlerisches Einfühlungsvermögen haben späterdie Persönlichkeit Lily Braun in die rechte Beleuch-tang gerückt. Aus dem, was Julie Vogelstein über sie ge-schrieben hat, was wir aus Protokollen und Berichten ersehen,wollen wir uns ein Bild der Sozialdemokratin Lily Braun formen, ein Bild, das von der Gegenwart der Frauenbewegungeine Brücke zur Vergangenheit schlagen soll, wie die übrigendieser Lebensskizzen auch.
Lily war die Tochter eines Generals v. Kretschman, großmüt-terlicherseits ging ihre Herkunft auf Napoleon's BruderJérôme zurück. Zu diesem korsischen Einschlag kam Verwandt-schaft aus dem Kreise um Goethe : nach Lily Schönemann, derJugendgeliebten Goethes, wurde sie Lily genannt. Die Wersun-sunkene Welt, die Welt adliger Generalstöchter zur kaiser-lichen Zeit Deutschlands , die auch damals schon den Todes-keim in sich trug, können wir uns heute nur schwer vorstel-len. Der äußere Glanz wurde oft mit Entbehrungen erkauft,oder ein vorhanden gewesenes kleines Vermögen schwand in-folge des gesellschaftlichen Aufwandes bald dahin. Auch fürden General v. Kretschman verlor sich der Glanz seines Le-bens im Handumdrehen, als nach den Ereignissen des Drei-Kaiser Jahres- die Gnadensonne des neuen Herrschers ihmnicht schien. So stand denn auch das Mädchen Lily, das scheinbar in Reichtum herangewachsen war, vor der Sorge, wie siemit dem neuen, grauen Leben fertig werden sollte. War mangesund, realistisch, willensstark und durch ein nüchterndenkendes Elternhaus gestützt, dann konnte man es wohl schaf-fen, sich unter Abstreifung aller Vorurteile, trotz dieserVergangenheit, ein Leben auf einer ganz neuen Basis aufzu-bauen. Aber für einen, selbstjungen weiblichen Menschen,
WIND