Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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eingelaufenen Bewerbungen wurde die von Helene als beste ausge-wählt. Ihr nach drei Monaten Probezeit abgeschlossener Vertragwurde dem der männlichen Sekretäre angepasst: denn es galt inNürnberg damals schon der im übrigen noch immer nicht voll durch-geführte Satz:" Gleicher Lohn für gleiche Leistung!"

Wie sah das, vom offiziellen Jahresbericht anerkannte spezifischeArbeitsgebiet der neuen Sekretärin aus? Eine gesteigerte Agita-tion unter den Arbeiterinnen in zahlreichen Fabrikwerkstätten, inGeschäftsversammlungen und in Arbeiterinnen- Versammlungen, wo manFlugblätter" Arbeiterinnen- Aufgewacht" verteilte. Ein besonderesAnliegen in Nürnberg wie überhaupt in Bayern war das Werbenum die Kellnerinnen. Helene Grünberg Veranstaltete Nacht-versammlungen für Kellnerinnen, die gut besucht waren und zur Bil-dung einer besonderen Sektion führten. Die neue Sekretärin nahmsich außerdem auch der Jugendbewegung warm an und richtete Ge-werkschaftliche Unterrichtskurse ein. 1907 versuchte der Magistratder Stadt Nürnberg diese Kurse dadurch zu hintertreiben, daß ersie für" eine konzessionspflichtige Lehranstalt" erklärte. Helene Grünberg weigerte sich wohlweislich, diese Konzession nach-zusuchen und wurde angezeigt, aber vom Schöffengericht freige-sprochen.

Ihr Schaffensdrang war von all den erwähnten Einrichtungen nochnicht befriedigt: im März 1906 gründete sie, nach längerer, or-ganisatorischer Vorbereitung, den" Verein der Nürnberger Dienst-mädchen, Waschfrauen und Putzfrauen", dem sofort 200 Dienstmäd-chen( Hausangestellte sagte man erst später) beitraten.

Die kostenlose Arbeitsvermittlung des Vereins florierte. Die Nach-frage durch Hausfrauen, die sich dieser Vermittlung bedienten,war erstaunlicherweise bald größer als die Angebote. Die Vereins-gründung machte Schule; in München , Köln , Hamburg , Frankfurt a.M.und in anderen Städten wurden gleiche Organisationen begründet.Gewerkschaftskartelle im Lande ließen sich Statuten und anderesMaterial des Nürnberger Vereins schicken und baten um Auskünfte.Die" Generalkommission der Gewerkschaften" faßte die Gründungeines Zentralverbandes ins Auge, der Erfolg der Nürnberger Sekre-tärin war überzeugend. Wie war es dazu gekommen? Vor dem Weih-nachtsfest waren mehrere besonders intelligente und unternehmungs-lustige Nürberger Dienstmädchen ins Arbeitersekretariat gekommenund hatten um Rat und Hilfe gebeten. Die" Gnädige" sei jetzt, vordem Fest, besonders ungnädig, denn das Weihnachtsgeschenk, einüblicher Teil des Lohnes, verderbe ihr offenbar die Laune. DieMädchen baten um einen Artikel in der" Fränkischen Tagespost"