Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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O

Henriette Fürth .

( 1861-1938)

Die Verfasserin erinnert sich an eine große, sorgfältige Sammlungvon Berichten und Urteilen über hunderte von Kindermißhandlungenaus dem gesamten Reichsgebiet, gesammelt von dem sozialdemotra-tischen Reichstagsabgeordneten Simon Katzenstein . Er war unsFrauen wohl bekannt, weil er sich so intensiv mit den Fragen desKinderschutzes befasste, sowohl im kaiserlichen als auch späterim Weimarer Reichstag. Er stammte aus liberalem, angesehenem Hausein Gießen, wo sein Vater Holzhändler war; die Kinder des Hausesmüssen zu der freiheitlichen Gesinnung auch das soziale Bewußt-sein und das Verantwortungsgefühl von den Eltern mitbekommen habebdenn Simon Katzenstein und seine Schwester Henriette sollten sichbeide im Leben durch tatkräftiges soziales Mitgefühl auszeichnen.Henriette hatte die Höhere Mädchenschule besucht und wollte, wiefast alle aufstrebenden Mädchen ihrer Zeit, Lehrerin werden. Siewollte nicht im Haushalt der ltern resignieren, sondern hoffte,ihre künstlerischen, erzieherischen und sozialen Neigungen im Be-ruf erfüllen zu können. Auf keinen Fall fehlte es ihr dazu anTatkraft, Phantasie und Intelligenz. Trotzdem kam es anders, alsdas junge Mädchen es sich vorgestellt hatte. Sie wurde mit 19Jahren die Gattin des Kaufmannes Wilhelm Fürth in Frankfurt a.M.In den zwanziger Jehren war er Geschäftsführer einer Gesellschaftfür Kleinwohnungbau, und das war ein Gebiet, das Henriette ihrLeben lang mit in den Bereich ihres vielseitigen, sozialen Inte-ressengebietes bezogen hatte. Aber auch sonst muß die Harmoniezwischen den Ehegatten vollständig gewesen sein, und er ebenfallsein sozial aufgeschlossener Mensch; demeine so ausgedehnte, prak-tische und schriftstellerische Arbeit auf dem gesamten Gebiet derSozialpolitik kann eine Ehefrau, dazu Mutter von 7 Kindern, nurentfalten, wenn sie die moralische Unterstützung eines verständ-nisvollen Ehegefährten hat.

Schon bei ihrem ersten Auftreten in der breiteren Paertei- Öffent-lichkeit auf dem Parteitag in Gotha 1896 bewies Henriette Fürtheihre Tüchtigkeit und ihre Unabhängigkeit. Sie betonte auch sehrdeutlich und entschieden, daß sie Sozial- Demokratin sei:nur revolutionär sein, das führe nach ihrer Meinung dahin, daß mannicht über die engen Schranken des Klassenstand punktes un derKlasseninteressen hinauskäme. Der Sozialismus müsse sich je-doch gegen alle Klassen durchsetzen, müsse versuchen alle Klassenzu erobern, zu durchdringen, über sie emporzusteigen. Es war dieZeit von Clara Zetkin's Vorherrschaft in der Frauenarbeit. Das