Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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Clara Bohm- Schuch.

( 1879- 1936)

1908 lernte ich Clara Bohn- Schuch kennen. Mein Weg hatte michin den Arbeiterort Berlins geführt, in dem sie wohnte, und indem sie mit tätiger Anteilnahme in der Arbeiterbewegung stand.Rixdorf, so hiess das heutige Neukölln damals noch, hatte einebesonders lebendige, aufstrebende Arbeiterbewegung, oppositio-zugleichnell und doch realpolitisch hatten diese Arbeitereinen starken kulturellen Auftrieb, der sich in mustergültigenVeranstaltungen zeigte.

Eine zart und fein wirkende Frau trat mir entgegen mit merk-Grund derwürdig klaren durchdringen Augen, die bis auf denSeele zu sehen schienen. Ich fühlte sehr bald, daß wir unsverstanden, und wir haben Freundschaft gehalten, all die Jahrehindurch. Wir haben uns über vieles unterhalten und manche Ar-beit gemeinsam getan. Aus Stechow in der Mark war sie, sehrjung noch, nach Berlin gekommen. Die Eltern besaßen eine klei-ne Büdnerstelle, sechs Kinder bevölkerten das Haus, wolltensatt gemacht und gekleidet werden, es ging knapp her. Aber bei-de Eltern machten kein Hehl daraus, daß sie Pazifisten seienund den Krieg verabscheuten, Grund genug für den Herrn Amtsvor-steher, den armen Büdnersleuten das ohnehin schwere Leben nochschwieriger zu machen. An der Gesinnung der Familie Bohm inStechow hat das nicht das Geringste geändert.

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Clara hatte die Dorfschule besucht. Schon als sie nach Berlin ging, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen, fühlte siedas Bedürfnis, nicht nur dem primitiven Zweck der" Erhaltungdes Lebens" zu diesen sie wollte mehr, wollte bewußt leben.Darum suchte sie sich bald einen Beruf, der ihr die Zeit undKraft zu weiterer Ausbildung lassen würde. Sie brachte es fer-tig, eine Handelsschule zu besuchen, und damit war der ersteSchritt getan. Im neuen Beruf bewährte sie sich und stieg zurkaufmännischen Korrespondentin und weiter zu Vertrauensstel-lungen auf. Wir beide haben uns gerade darüber in einem weite-ren Zusammenhang unterhalten: wir sprachen davon, welche Mög-lichkeiten der Beruf- das Verdienenmüssen aufstrebendenjungen Menschen lässt, sich weiter zu bilden. Die Hinweise aufihren eigenen Lebensweg, die sie mir dabei gab, zeigten mir,wie sicher und freudig sie an sich gearbeitet hatte, und wiesie den Weg in eine geistig freiere Luft gesucht hatte, nichtum stehen zu bleiben, sondern zu immer neuer Bemühung und Ent-faltung.

Clara hatte von ihrer Mutter eine Begabung zum dichterischen