Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
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teilgenommen. In Augsburg 1922 referierten wir Beide auf dengroßen Frauenkundgebungen, die anlässlich des Parteitages ab-gehalten wurden. Der Nationalsozialismus konnte Hanna nichtbrechen, auch nicht eine Gefängnishaft, die sie noch 1944 er-leiden mußte. Der große Schmerz dieser Jahre war der Tod ihresgeliebten Lebensgefährten- das war schwerer zu ertragen alsalles. Die Bomben nahmen ihr ihre hübsche Häuslichkeit, abersie war zufrieden, nach dem Kriege in der schönen Heimstatt desStaates Zuflucht zu finden. Von dort schrieb sie mir eine lie-ben, herzlichen Brief ins Ausland and lud mich ein, bei ihr ab-zusteiegen, wenn mich der Weg bei meiner Rückkehr nach Deutsch­ land über Hamburg führen sollte. Aber als ich dann kam, konnteich nur noch einen Blick auf ihr nun verlassenes Domizil werfen,wo sie einsam ihre letzten Schmerzen erlitten hatte. Nicht soeinsam, dass sie ganz allein gewesen wäre, denn wohl gab esFreunde, die sich um sie kümmerten- aber eben einsam wie jederalte und kranke Mensch das letzte seelische Leid und den letz-ten körperlichen Schmerz durchzustehen het, den nur die Nähedes allernächsten mittragen könnte. Wir sollten dieser immertatbereiten Hamburgerin mit dem so natürlich liebenswürdigenWesen, mit ihrer Hilfsbereitschaft und Gute immer dankbar seinfür ihr Dasein.

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Luise Kautsky .( 1864- 1944)

Wenn Männer wegen ihrer Lebensleistung anerkannt, manhemal auchgefeiert werden, pflegen sie oft zu antworten, daß ihre Arbeitnur mit dem Beistand und der Kameradschaft ihrer Lebensgefähr-tin getan werden konnte. So schrieb es Karl Marx an Wilhelm Liebknecht , so hörten wir es an seinem 70. Geburtstag von August Bebel , als er von seiner Julie sprach. Und so wissen wir esauch von dem sozialistischen Wissenschaftler Karl Kautsky , derund Jungen damals erst Karl Marx und den Sozialismus so nahebrachte, daß wir ihn verstehen konnten. Alle, die wir uns zuEnde des 19. und zu Anfang dieses Jahrhunderts abmühten, in diesozialistische Ideenwelt einzudringen, verdankten es der HilfeKarl Kautsky's , wenn es uns gelung.

Die Freu des so intensiv arbeitenden, auch so oft angegriffenenShriftstellers, der noch dazu nicht gerade von robuster Gesund-heit war, hätte schon sehr viel geleistet, wenn sie nichts wei-ter getan hätte, als diesem Manne eine ruhige, ungestörte, undharmonische Atmosphäre zu schaffen, in der er so arbeiten konn-te, wie es geschah. Das allein hätte die Frau von Karl Kautsky um die Arbeiterbewegung verdient gemacht. Es waren keine geringn