84-
geistigen Anforderungen, die an Karl Kautsky's Frau gestelltwurden.
Luise Rosnperger, am 11. August 1864 in Wien geboren, war schonzur bewußten Sozialistin erwacht, als sie Karl Kautsky kennenlernte. Es ist schade, daß sie niemals ihre Autobiographie ge-schrieben hat. Nach den wenigen Anfangsblättern, die ihr SohnBenedikt uns, zusammen mit den Briefen Rosa Luxemburge an Freun-de, zugänglich gemacht hat, wäre es sicher ein reizvolles Buchgeworden. Luise spricht von ihrer guten Kindheit, von einemschönen elten Wiener Haus mit dicken Mauern und gewölbten Zim-mern, sie erzählt von Höfen, Kellerwinkeln und einem wunder-vollen parkartigen Garten. Dies alles zusammen, das Verboteneand das Erlaubte sei das Paradies für die Kinder gewesen. Dawar ein großer Kuhst 11, die Freundschaft der Kinder mit denschönen Töchtern des Milchhändlers; da waren die Arbeiterinnender Korkfabrik, deren Sortiertische im Freien standen, und diezu den Kindern freundlich waren. In einer Strohutbleichereikonnte man die Arbeit beobachten; es kamen Latswagen mit Waren,das Leben war für die Kinder unterhaltsam. Luise RonspergersEltern hatten eine Konditorei, es muß ein großer und wohlhaben-der Haushalt gewesen sein, in dem sie mit 3 Brüdern zusammenaufwuchs. Eine neue Kinderfrau kam ins Haus, als die kleineLuise noch nicht vier Jahre alt gewesen sein kann. Diese Kinder-frau muß in ihrer Art eine starke Persönlichkeit gewesen sein.Sie brachte den Kindern spielend alles bei, so daß Luise nochim vierten Lebensjahr lesen lernte und nicht müde wurde, vonihrer neuen Wissenschaft Gebrauch zu machen." Sie war eine ge-borene Pädagogin" schreibt Luise Kautsky in ihren Erinnerungs-blättern. Als einziges Mäddhen neben drei Brüdern erfuhr Luise in dem wohlhabenden jüdischen Haushalt der Eltern die Vielseitigkeit der überlieferten Kultur des Wiener Bürgertums. Spätermachte sie sich im Betrieb ihrer Eltern nützlich und lernte da-bei die Romanschriftstellerin und glühende Sozialistin Minna Kautsky die Mutter von Karl Kautsky kennen. Sie ahnte damalsnicht, in welch enges verwandtschaftliches Verhältnis sie zuder Frau treten würde, zu der eine große Freundschaft sie hin-zog, und die sie mit der sozialistischen Ideenwelt bekannt mach-te.
Die 26jährige wurde die Frau des um zehn Jahre älteren Karl Kautsky . Sie brachte ganz besonders glückliche Eigenschaftendafür mit, um die Geführtin eines sozialistischen Gelehrten,Grüblers und Kämpfers zu sein, sich ganz hinter seine Arbeitzu stellen und ihm- still und unbemerkt dabei zu helfen.