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Vom Beginn dieser am 23. April 1890 geschlossenen Ehe an hattesich Luise Kautsky mit allem vertraut gemacht, woran ihr Mannarbeitete. Es war die schwere Zeit des Sozialistengesetzes inDeutschland , in die die junge The fiel, und auch in Österreich hatte die Partei einen schweren Stand. Karl Kautsky , der 1883die Sozialistische Monatsschrift" Die Neue Zeit" begründet hatte,wollte gerade wegen der Behinderungen in Österreich mit seinerjungen Frau nach London gehen, um die Zeitschrift dort heraus-zugeben, als das Sozialistengesetz in Deutschland fiel. Kauts-kys siedelten daraufhin mit der" Neuen Zeit" nach Stuttgart über, wo ihnen ihre drei Söhne geboren wurden. Später gingensie nach Berlin , es war für die zahlreichen Besucher aus allerWelt, die sich im Laufe der Jahre bei ihnen einfanden, beson-ders reizvoll, die liebenswürdige, geistvolle Gastgeberin inKautskys Haus zu finden. August Bebel war fast jeden Sonntagder gern gesehene Abendgast. Kein nach Deutschland kommenderTräger des internationalen Sozialismus versäumte es, dem gei-stigen Nestor des Sozialismus seinen Besuch zu machen. Sie fan-den neben Karl Kautsky seine Frau mit iheer so ganz besondersglücklichen Befähigung, Kontakte herstellen zu können und einewohl zuend herzliche Gastfreundschaft zu üben.
Es passt ganz zu dem Bild dieser vielseitigen Frau, daß diesich auch selber literarisch betätigte. Ihr Interesse am Men-schen führte sie auf des biographische Gebiet. Ihre Briefe Rosa-Luxemburgs an Luise Kautsky haben eine weite Verbreitung gefun-den, und haben zu ihrer innigen Freude das stark verzeichneteBild dieser Frau in der öffentlichen Meinung um vieles verän-dert. Ihre Lebensskizzen von Frauen aus der Internationale lie-gen uns leider nicht vor. Daß sie in die Problematik des wissen-schaftlichen Sozialismus eingedrungen war, hat sie durch eineReihe wertvoller und schwieriger Übersetzungen bewiesen.
Der Krieg 1914-1918 zerstörte Karl Kautsky's Zeitschrift" NeueZeit". Er gewann dadurch zwar Zeit zu anderer Arbeit, aber seineBindung zu Berlin löste sich allmählich. Er und seine Frau gin-gen nach Wien , später, als Hitler Wien eroberte, nach Prag undvon da nach Amsterdam . Dort ist Karl Kautsky am 17. Oktober 193884jährig gestorben, bis zuletzt umsorgt und gepflegt von seinerLuise. Die beiden ältesten Söhne waren in Sicherheit im Ausland,aber der jüngste, Benedikt, war in einem von Hitlers Konzen-trationslagern. Luise blieb nach ihres Mannes Tod mit der Frauund den Kindern dieses jüngsten Sohnes in Amsterdam zurück. Siekonnte sich nicht entschliessen, der Einladung von Freunden nachEngland zu folgen, denn sie hätte von dort aus überhaupt keine