Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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Anna Siemsen.

( 1882 1951)

Ich gehe sehr zaghaft an den Versuch heran, aus diesem, in sei-ner geistigen Leistung so vielseitigem weiblichen Leben die Sei-te der Persönlichkeit herauszustellen, die wir unseren Lesernzeigen möchten: die für Fortschritt und Sozialismus wirkendeFrau und den Menschen Anna Si e msen, aus deren geistigerHinterlassenschaft uns noch immer Quellen fließen, die der heu-tigen Frauengeneration dienen. Anna Si emsen war das zweiteKind eines konservativen Pfarrers, der in der westfälischen Ge-meinde Mark amtierte. Mit einer älteren Schwester und drei Brü-dern, denen Anna immer in Liebe verbunden blieb, wuchs sie auf.Der Bruder August der ihre Lebensgeschichte schrieb erin-nett sich noch als reifer Mann der selbst erfundenen Märchen,mit denen Anna den Jüngeren beglückte. Nachdem Anna sich die elementaren Grundbegriffe der Dorfschule erworden hatte, durfte siesich von ihrer Schwester Paula in die höhere Mädchenschule nachHamme kutschieren lassen, wo sie dann, wegen ihrer Zartheit undKränklichkeit so viel vom Unterricht versäumte, daß sie das Zeil Ziel der Schule nicht erreichte. Sie hat sich dann die notwen-digen Kenntnisse zum Lehrerinnen- Examen im Selbststudium erwor-ben, und bestand es 1901 in Münster . Im Elternhaus wurde ihrePhantasie durch das lebhafte Interesse an Sage und Geschichte,an Literatur und Kunst angeregt. Der Vater las vor, oder dieKinder lasen klassische und moderne Dramen mit verteilten Rol-len. Das Interesse der Familie betraf auch die Zeitgeschichteund brachte es mit sich, daß die Kinder Burenkrieg und Dreyfuẞ-Affaire bewußt miterlebten. Sicher sind ihnen auch die sozialenSpannungen des benachbarten Ruhrgebietes nicht verborgen geblie-ben: alle fünf Kinder des positiv gläubigen, protestantischenPfarrers sind Sozialisten geworden. Die Mutter folgte ihren Kin-dern in dieser Richtung und trat später sogar aus Protest gegendie Haltung der Kirche im Kriege aus der Evangelischen Kirchen-gemeinschaft aus. Doch nur Anna Siemsen selber, wie sie aus die-ser Kindheitswelt hervorging, wie sie durch Arbeit an sich sel-ber zu einer hohen Entfaltung ihrer Geistes- und Charakterkräf-te gelangte, soll hier betrachtet werden.

1902 ging die Familie- weil der Vater pensioniert wurde, nachOsnabrück . Das Pfarrhaus mit seinem großen Garten wurde mit einerMietwohnung vertauscht. Vor Anna tat sich eine neue Welt mit an-deren landschaftlichen Schönheiten, mit neuen Reizen und neuenBildungsmöglichkeiten auf. Als Tochter eines Pfarrers, der das