Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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Tanzen verwarf, nahm sie nicht an dem üblichen, ihr neuen ge-sellschaftlichen Leben teil, sondern war ausreichend damit be-schäftigt, die neue Umwelt zu verstehen, mit ihrem Studium undmit ausgiebiger Lektüre.

Anna drängte es zum Beruf; sie wollte ihre Kräfte erproben undauch den elterlichen Haushalt etwas entlasten. So wurde siePrivatlehrerin in einem Pfarrhaus von so reaktionärem Geist,daß sie manche Kuriosa dort erlebte. Eine sozialdemokratischeVersammlung im Dorf zum Beispiel schlug der Herr Pfarrer niedernindem er zu Beginn" Heil dir im Siegerkranz " anstimmte und danndie Gemeinde nach Hause schickte. Ein Madonnenbild mit demsäugenden Jesusknaben verbot er der jungen Hauslehrerin in ihrZimmer zu hängen, weil es zeige" wovon es schon schändlich ist,zu reden". Der gute hatte sieben Kinder gezeugt und glaubte anHexen und an den Werwolf, den er selbst gesehen hatte! NachdemAnna sich hier im Lehren aber auch in Geduld geübt hatte, schaffte sie in zwei Jahren intensiven Studiums das Abiturienten- Xxa-men als Außenseiter am humanistischen Gymnasium zu Hameln . Siestudierte dann in München , Bonn und Münster , machte ihren Dr.phil. mit Auszeichnung und das Staatsexamen in Deutsch , Philo-sophie und Latein. Ein Jahr später holte sie in Detmold nocheine Prüfung in Religion für die Oberstufe nach. Sie war dannin Detmold , Bremen und Düsseldorf als Oberlehrerin tätig. InBremen war es eine private höhere Mädchenschule, an der sie ar-beitete, und die dortigen Erfahrungen veranlassten sie, sich fürhöhere Gehälter für das ganz unterbezahlte Lehrpersonal einzu-setzen. Die Zeit ihres Studiums war zugleich eine Zeit höchsterEinschränkung gewesen, aber das machte ihr nichts aus, sie warimmer ein einfacher und sparsamer Mensch. Nach dem Tode desVaters( 1910) lebte sie mit der Mutter zusammen.

Der Ausbruch des Krieges überraschte sie in der Schweiz . Soschnell wie möglich kehrte sie nach Düsseldorf zurück, und er-lebte den" furor teutonicus", der sie tief erschütterte; erstnach einiger Zeit erkannte sie, was ein Krieg eigentlich bedeu-tet. Die Wahrheitsliebende empfand schmerzlich die Lügenpropa-ganda und die Eroberungsforderungen der" Patrioten". Das scham-lose Kriegsgewinnlertum und die Ausbeutung der arbeitenden Men-sbhen, die sich bis zum Friedensschluss und über die Inflationhinaus fortsetzte. Aus diesen Erlebnissen erwuchs eine sehr ent-schiedene Kriegsgegnerschaft, der sie fortan einen großen Teilihrer Kraft widmete. Wir finden die 35jährige als streitbareSchriftstellerin, und sie wird in dieser Zeit Mitglied des" Bundes Neuss Vaterland" aus dem sich später die Liga für