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Menschenrechte entwickelt hat. Da sie dem Vorstand dieses Bun-des angehörte, wurde sie für den Rest des Krieges überwacht.Es war in dieser Zeit, daß sie den Weg zum Sozialismus fand,und auch der Frauenliga für Frieden und Freiheit beitrat.Anna Siems en war Individualistin und lässt sich in keine Scha-blone pressen. Sie drang in die sozialistische Idee von derWissenschaft her ein, nicht vom Erlben und Fühlen her, Trotzdemdarf man sie sich nicht trocken und gefühllos vorstellen. Indieser exakten Geisterarbeiterin schlug ein mitfühlendes Herzund pulsierte warmes Leben, aber ihr Denken richtete sich aufdie großen allgemeinen Linien. Während der Zeit der schmerz-haften Spaltung in der SPD gehörte Anna Siemsen zu den Unab-hängigen Sozialdemokraten, die sich- vornehmlich wegen der Be-willigung der Kriegskredite von der Mehrheit der SPD abge-sondert hatten. In der Besatzungszeit der 20er Jahre hat ihrBekennermut sie öfter in unangenehme Situationen gebracht.
Im Volkshochschulwesen, für das sie großes Interesse hatte, kamsie aus bürokratischen Gründen nicht zum Zuge. 1919 wurde sieins Volksbildungsministerium nach Berlin berufen, 1920 als Bei-geordnete für Fach- und Berufsschulfragen nach Düsseldorf , wo-mit sie gleichzeitig Stellvertreter des Oberbürgermeisters war-.Später hatte sie das Fach- und Berufsschulwesen in der Preußi-schen Zentrale einzurichten und auch da mit Widerständen büro-kratischer Art gegen ihre Pionierarbeit auf diesem verhältnis-mäßig neuen Gebiet zu kämpfen.
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Die Inflation unterbrach 1923 Anna Siemsens Berliner Tätigkeitsie folgte einem Ruf nach Thüringen . Auch de wurde ihre Arbeitunterbrochen, denn els man Kommunisten in die Regierung aufge-nommen hatte, warschierte Militär ein, und von da an begann einekatastrophale, reaktionäre Entwicklung in Thüringen . Die Land-tagswahl 1924 ergab eine Einheitsfront mit Einschluss der Na-tionalsozialisten, und Anna Siemsen mußte ihr geliebtes Amtaufgeben. Die ihr von der vorigen Regierung verliehene Professurkonnte man ihr aber nicht nehmen: sie übte ihr Lehramt bis 1932aus. Ohne das Schulamt hatte sie nun, noben den Vorlesungen,Zeit für ihre literarischen Arbeiten und für Karse im übrigenDeutschland und in Europa .
Ich erinnere mich gerne daran, wie ich Anna Siemsen einmal ken-nenlernte. Es war zu irgendeiner uns wichtigen Beratung in derZentrale der" Arbeiterwohlfahrt", zu der eine Reihe sachkundi-ger Menschen zusammengerufen waren. Sie fiel mir durch ihre