Akte 
Manuskript "Frauen ihres Jahrhunderts"
Entstehung
Keine Angabe
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Liegnitz und Schlesien die Heimat von Hildegard. Es war eineTöchterfamilie in der sie aufwuchs. Wie alle Mädchen der dama-ligen Zeit wurde sie für die Ehe erzogen. Doch die Erziehung indiesem Elternhaus hatte schon eine andere Tradition als die da-mals übliche: in der mütterlichen Linie rückwärts erhielten dieTöchter bereits eine Berufsausbildung. So war eine unverheira-tete Tante von Hildegard( Schwester ihrer Mutter) Lehrerin ander" Königin Luisenschule" in Berlin . Die Eltern Ziegler fandenaber auch, daß ihre Töchter auf alle Fälle eine bessere Bil-dungsgrundlage brauchten, ob sie nun heirateten oder nicht. Leh-rerin zu werden war damals die einzige Möglichkeit zur Ausübungeines selbständigen geistigen Berufes für Frauen und zugleich

Bildungsquelle.

So grundverschieden die Eltern Hildegards in ihrem Naturell undin ihrer praktischen Einstellung zum Leben waren- der Vater warphilosophisch und weltfremd, die Mutter praktisch und strengso einig waren sie sich in der Ausbildungsfrage für ihre Töchter.Kamen doch beide aus der gleichen Schicht, beider Väter warenGymnasialdirektoren gewesen, liberal in ihren politischen An-schauungen, Gegner der Bismarck- Politik. Schon der mütterlicheGroßvater Kaempf war ein Rebell der 48er Jahre gewesen, der sichspäter eine Art von Polizeiaufsicht gefallen lassen mußte. Er warin das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt worden, und die Preu-Bische Regierung bestätigte ihn schließlich als Direktor desGymnasiums in Landsberg a.d.Warthe. Das Elternhaus der Mutterwar streng gewesen, einfach, betont, leidenschaftlich und pflichtbewußt, während das lternhaus des Vaters Ziegler musisch, künstlerisch weich und ein wenig weltfremd war. Der einzige, Bruderder Mutter war Johannes Kaempf , der langjährige, sehr bekannteliberale Abgeordnete und Präsident des Reichstages.

Hildegards Wunsch war, sich nach bestandenem Lehrerinnen- Examenauf das Abitur vorbereiten zu können, um zu studieren. InDeutschland konnten damals Mädchen noch kein Gymnasium besuchen,und es gab keine Einrichtungen für sie, umsich auf das Abiturvorzubereiten. So besuchte sie eine Zeit lang ein Lehrerinnen-Seminar, mußte es aber verlassen, ls sie sich verlobte. So be-reitete sie sich weiter privat vor. Die Verlobung allerdingsging auseinander: Hildegard hatte im Nachttisch ihrer Mutter dasdamals, 1889, noch verbotene Buch von August Bebel " Die Frau undder Sozialismus" entdeckt und gelesen und kam, nach gewissenhaf-tem Nachdenken zu dem Entschluss, nicht mehr zur Kirche und zumAbendmahl zu gehen. Der Bräutigam, Theologe wie ihr Vater, konnte