2.
die psychologischen Hemmungen gelöst. Wir erfahren, daß sie schon län-gere Zeit vorher in der Kleinarbeit tätig war, die Teilnahme an denwissenschaftlichen Kursen hatte ihr den Mut zu selbständigen Vorgehengegeben. Am anfang ihrer Mitgliedschaft in der SozialdemokratischenPartei war sie sehr zurückhaltend. Ein Vortrag Aufust Bebels, schon zuAnfang des Jahrhunderts, hatte sie der Partei endgültig zugeführt. InHamburg war möglich, was den Frauen in Preussen u. a. Ländern verwehrtgewesen ist. In diesen Jahren war Johanna eine eifrige Flugblattver-breiterin und Versammlungsbesucherin, was das heißt wissen die wenigenAlten, die heute noch leben und die Zeit in Erinnerung haben, in derman wohl Mühsal und Verachtung aber keine Lorbeeren erntete.
Von der Parteischule aus schlug das Ehepaar Reitze zuerst noch einmalsein Domizil in Vegesack , im Weser- Ems - Gebiet auf, das Resultat kennenwir bereits. Bald wird der Mann nach Hamburg gerufen, als Redakteur andas" Hamburger Echo". Der frühere Besuch der Kurse in Hamburg und Ber lin , Hannas starkes Lese- und Lernbedürfnis, hatte ihr zu einem um-Cand helyfangreichen Wissen verholfen, das sie nun wieder für ihre politischeOrganisationsarbeit verwenden konnte. Sagen wir es ruhig: Nicht jedeunserer Vorkämpferinnen für den Sozialismus und die Befreiung der Frauwar in einer so glücklichen Lage wie Hanna. Sie lebte in einer relativgesicherten Wirtschaftslage und wurde getragen von dem Verständnis undder steten Hilfsbereitschaft ihres Lebenskameraden, sie konnte ganzihrem inneren Drang folgen. Man meint auch rückschauend, daß diese Har-monie ihres Lebens äußerlich Ausdruck gefunden hat. Immer freundlich,immer aufgeschlossen für die Gedankengänge Anderer, immer hilfsbereit,war ihr der Dienst an der Allgemeinheit etwas Selbstverständliches. Dasist wohl auch das Geheimnis dieser so geschlossenen Persönlichkeit, inder es keinen Bruch gegeben hat.