Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
Entstehung
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Minna Kautsky ( Die Neue Welt) Nr.23 1907)( Illustriertes Unterhaltungblatt)

Zum siebzigstenGeburtstag von Marie Kunert

Es dürfte kaum eine sozialdemokratische Familie geben, der der Name MinnadKautsky nicht wohl vertraut wäre. Man kennt sie allerorten, wo sozialdemokratische Tageszeitungen, wo die" Neue Zeit" und die" Neue Welt" gelesenwerden,

als die fesselnde Erzählerin einer stattlichen Zahl von Romanen,Novellen und Skizzen, als die Verfasserin von interssanten litera-rischen und sozialen Studien.Sie nimmt unter den Romanschriftstellerinnen der Gegenwart insofern eineSonderstellung ein, als sie die Weltanschauung des Sizialismus in sich auf-genommen hat, ihr ganzes Wesen gleichsam darin verankerte. Von diesem fes-ten Ankergrund aus gewann sie eine 7 tiefere Einsicht in die grossen re-alen Zusammenhänge der Gesellschaft, vermochte sie die Kämpfe und Leidendes Volkes in der richtigen Perspektive zu erfassen und künstlerisch zugestalten. Darin ruht die nachhaltige und eigenartige Wirkung ihrer Ar-beiten, die durchweg moderne Probleme behandeln.

Am 11. Juni 1837 wurde Minna Kautsky in Graz , in der schönenSteiermark geboren.

Sie war das älteste von sieben Kindern eines nicht eben begüterten Theater-malers, der seine zahlreiche Familie nur unter schweren materiellenSorgen zu erhalten vermochte. 1845 siedelte die Familie nach Prag überwo der Vater am deutschen Landestheater als Dekorationsmaler angestelltworden war.

Als die Revolution von 1948 auch nach Prag hinübergriff, standdie elfjährige Minna, ein temperamentvolles und gewecktes Kind, mit ihremganzen Herzen auf Seiten der Revolution. Eine Barrikade war in unmittelba-rer Nähe ihres Elternhauses erbaut worden, und in kindlichem Uebermutkletterte Minna, so oft es nut irgrnd gi anging, über sie hinweg, um beidem jenseits der Barrikade wohnenden Krämer kleine Einkäufe für den Haus-bedarf zu machen. Doch dieses seltene Vergnügen fand schnell ein jähes

Ende.

Wütende Strassenkämpfe durchtobten die Stadt, die Barrikade fielXXhvielen anderen und Fürst Windischgrätz, der mit seiner Soldateskades Aufstandes nicht Herr werden konnte, liess schliesslich Prag von den die Stadt beherrschenden Höhen in Brand schiessen.

Da floh Minnas Mutter, die unmittelbar vor ihrer Niederkunft stand, mit denKindern in das Kellergeschoss des Hauses, während der Vater in den Reihender Bürgerwehr kämpfte.--- Man plante eine Flucht aus der Stadt, die abernicht mehr zur Ausführung kam, da die Barrikadenkämpfer sich, als der Zuzugdes tschechischen Landsturmes ausblieb- nicht zu halten vermochten und dertapfer geführte Aufstand damit sein Ende erreichte.

Um diese Zeit bekam Minna für ungefähr zwei Jahre den ersten gere-gelten Unterricht, RXXXXXXXX in einer zweiklassigen Volksschule.Bis dahin hatte sie von dem Vater eine mehr anregende als grün-liche Unterweisung in einigen Wissensgegenständen erhalten. Sieselber hat die Dürftigkeit ihrer Schulkenntnisse später oft schmerz-Iich empfunden.Damals genoss sie dafür die Seligkeit der Kinderzeitdoppelt und fasste schon früh ein leidenschaftliches Interesse für dieWelt des Theaters, die ihr ja so leicht zugänglich war. Diese ständigenBeziehungen zum Theater regten die in dem XXXXXк phantasie-vollen Kinde vorhandene künstlerische Begabung an, die sich in allerleimimischen Versuchen und in der Aufführung kleiner, selbstersonnernerSoloszenen äusserte.

Minna wuchs heran und sah, wie der teure Vater schwer um seine und derSeinen Existenz zu ringen hatte. Diese Erkenntnis-- zusammen mit dem immerstärker hervortretenden, XXXXX schauspielerischen Talent weckte den Wunsch