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Ihr Mann gab damals die Staffeleimalerei auf und wandte sich der Deko-rationsmalerei zu, für die er ganz besonders befähigt war. Er schlugauf diesem bisher vernachlässigten Gebiet neue Bahnen ein und hattebald den Erfolg, dass er an das" Wiener Theater in der Josefstadt" zur.Ausstattung von Richard Wagners " Tannhäuser " berufen wurde. Leiderblieb ihm das Glück nicht treu. Ein Zerwürfnis mit dem Direktor bewirktedass Kautsky mit seiner Familie nach Prag zurückkehrte, wo in jenerZeit eine arge Wohnungsnot herrschte, von der natürlich alle armenTeufel am schwersten betroffen wurden. Zu diesen gehörte auch Kautsky ,der damals für sich und die Seinen keine andere Wohnung zu finden ver-mochte, als einen grossen, saalartigen, fast unheizbaren Raum in einemGasthause.----In diesem einen Gemach wurde gegessen, geschlafen, ge-waschen, gemalt, hier studierte Minna Kautsky ihre Rollen vor den er-staunten Augen ihrer Kinder, die sich indes bald daran gewöhnten, ihreMutter deklamieren, weinen, schluchzen, rasen zu sehen und zu hören. Siehatte sich entschlossen zur Bühne zurückzukehren, obgleich ihr Lungen-leiden noch keine erhebliche Besserung zeigte. Es war auch hier dieNot, die kein Gebot duldete.
Minna Kautsky wollte es jetzt als Tragödin versuchen. Sie erhielteinen Ruf an das damals gut geleitete Hoftheater in Sondershausen , wosie mit ihren Antrittsrollen als Adrienne Lecouvreur , Deborah/ undPhilippine Welser grossen Erfolg hatte. Ihre Kinder hatte sie in Prag zurücklassen müssen. Da sie die dauernde Trennung von ihrer Familienicht zu ertragen vermochte, kehrte sie am Schluss der Theatersaisonnach Prag zurück. Man wünschte sie in Berlin zu guten Bedingungenzuengagieren, aber die Liebe zu den Ihrigen entschied: sie blieb mitihnen vereint und fand Beschäftigung an dem Prager tschechischenTheater. Mit der ihr eigenen Energie überwand sie die Schwierigkeitendie sich der künstlerischen Wiedergabe in einer Sprache, die nicht dieMuttersprache ist, entgegenstellen. Schon in ihrer Antrittsrolle alsGretchen im" Faust" riss sie die Zuschauer zu hellem Enthusiasmus hin,Noch heute-- nach fast einem halben Jahrhundert-- vermag sie nicht ohnetiefe Bewegung von dem Triumpf jenes Abends zu sprechen. Sie spieltenun in rascher Folge-- immer in tschechischer Sprache-- die Jungfrau vonOrleans, Portia, Thekla, im Wallenstein) Maria Stuart . Begeisterte An-erkennung wurde ihr zuteil, da machte XXXX ein schwerer Rückfall ihresLeidens XXX die weitere schauspielerische Entwicklung dieser begna-deten Künstlerin für immer zunichte. 24 Jahre alt
musste sie der Bühneentsagen. Zum Glück fand ihr Mann jetzt endlich eine seiner Begabungentsprechende Stellung am Burgtheater in Wien , wohin er von Laube berufenwurde. Später gründete er ein eigenes Atelier, das sich bald eines tgrossen, wohlverdienten Rufes erfreute.
Minna Kautsky bedurfte nun viele Jahre lang aller ihrer Geduld, umihre schweren, körperlichen Leiden zu ertragen, die sich nach der Geburtnoch eines Knaben in einem Grade steigerten, dass ihr Zustand von denAerzten als nahezu hoffnungslos angesehen wurde. Sie hatte indes eines,das sie immer wieder aufrichtete, die Freude an ihren sich prächtigentwickelnden Kindern, deren Erziehung der Gegenstand ihrer zärtlichstenSorge war. Doch darüber hinaus verlangte ihr reger Geist nach Nahrung,nach Wissen, nach Kenntnissen, die die Ungunst der Verhältnisse ihr langeZeit vorenthalten hatte.Sie lernte im Wetteifer mit ihren, die Schule be-suchenden Söhnen, um die grossen Lücken in den Fundamenten ihrer Bildungauszufüllen. Dann las und studierte sie geschichtliche und philoso-phische Werke, darunter Kant, Schopenhauer , Feuerbach.
Durch die Lektüre vonStuart Mill wurde sie zu eingehendem Studium der Frauenfrage angeregt.Ihr Wissens- und Bildungdrang konnte sich nicht gehug tun. Alles, wasihrer innerst en Natur gemäss war, griff sie begiering auf, um es---- voneinem ungewöhnliche scharfen Verstand gut beraten---- in sich zu ver-arbeiten.