Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
Entstehung
Keine Angabe
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6.

Minna Kautsky war nach der Verheiratung ihrer Kinder Grossmutter ge-worden. Ihr häuslicher Pflichtenkreis verkleinerte sich. Sie unter-nahm nun wiederholt Reisen in das Ausland, teils zu Erholungs- und Studien-Zwecken teils um mit ihrem ältesten Sohne, der nacheinander in:Zürich

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Stuttgart und London lebte, zusammen zu sein.

Mehrmals war sie in Italien . Sie hatte das Sehen zu einer Kunst aus- ggebildet--- und was gab es auf diesen Reisen für ihren immer regenSinn nicht alles zu schauen und zu geniessen! Kunst und Natur begeisterten ihr empfängliches Gemüt gleichermassen. Das inhaltlose Leben undTreiben der oberen Schichten der Gesellschaft beobachtete sie daheimund drauessen gründlich und scharf. Das liebevollste Studium aber XXXwidmete sie nach wie vor der AKKA der Rolle der Arbeiterklasse im mo-dernen Wirtschaftsleben

der Gedanken- und Empfindungswelt des Proletariats.Sein Ringen und Leiden behandelt sie mit Vorliebe in ihren späterenWerken, von denen:" Viktoria" 1888 und" Helene", 1895 erschien. InViktoria bildet der Untergang des Kleinhandwerks und der Siegeszug derGrossindustrie den sozialen Hintergrund, von dem sich eine der anmutig-sten Mädchengestalten unserer Erzählerin wirkungsvoll abhebt." Helene" gibt in reichem, dichte-rischen Gewande ein Stück Parteigeschichte und eine Reihe trefflich ge-zeichneter Charakterköpfe aus der Internationalen Arbeiterbewegung un-serer Tage.

1896 verlor Minna Kautsky den Gefährten ihres Lebens durch den Tod.Sie blieb zunächst in Wien , wo ihre Tochter verheiratet war und wo diebeiden jüngeren Söhne das zu Weltruf gediehene Unternehmen des Vatersin erweitertem Massstabe fortführten..----- Mit den bürgerlichen WienetGesellschaftskreisen unterhielt Minna Kautsky nur insoweit Verkehr, alsdie Stellung ihres Mannes dies erfordert hatte.

Sie war freilich jahrelang Präsidentin des Wiener Künstlerinnen-und Schriftstellerinnenvereins gewesen, aber auch diese Be-ziehungen hatten sich sehr gelockert.

Nichts hinderte sie nun, dauernd dort Wohnung zu nehmen, wo sie wahre In-teressengemeinschaft und Sympathien in einem grösseren Kreis zu findenhoffte; in Berlin Hier brandete das Leben der Sozialdemokratie am stärk-sten, hier wirkte ihr Sohn Karl, der einen Freundeskreis hatte, zu demauch sie sich hingezogen fühlte.

So lebt Minna Kautsky nun seit fasteinem jahrzehnt in Friedenau bei Berlin . Auch hier liess sie ihreFeder nicht rasten. Sie schrieb den grossen Roman" Im Vaterhause"der in Wien spielt und vorwiegend kleinbürgerliche Verhältnisse schildert.die sie ja aus ihren Jugend jahren so gut kannte.

Sie verlegt die Handlung

in die Zeit der höchsten Blüte des Wiener Antisimetismus, dem in derimmer mächtiger ihr Haupt emporreckenden Sozialdemokratie ein tödlicherGegner entsteht. Im Vordergrund des Interesses stehen hier Gestalten ausder Kunstwelt, scharf erfasst und lebensvoll wiedergegeben.

Ausser einer grossen Zahl von echt volkstümlichen kleineren Erzählungen,die in der Parteipresse und in den/ XXXXXkalendern( Partei/) Deutschlands und Oesterreichs verstreut sind, schrieb sie im Laufe der Jahre aucheinige Theaterstücke, unter denen hier genannt seien: das Schauspiel," Albrecht Dürer " die kleinen Lustspiele:" Die Eder- Mizzi"( eine Drama-tisierung ihrer ersten Novelle:" Ein Proletarierkind") ferner" Die Doktor-Bäuerin" und das vom Volkstheater in Wien preisgekrönte Lustspiel:" Sie schützt sich selbst".

Ihre wertvollen literarischen Studien über Hebbel , über" Das Gemeindekind "der Ebner Eschenbach u.a. Essays legen Zeugnis ab. von ihrem feinen Ver-ständnis und sicheren Urteil in literarischen Dingen. XXXXXXX@@XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Hebbel steht ihr am nächsten, unter den Dichtern des vergangenen JahrhundertsDas Emporwachsen dieser mächtigen Dichterindividualität aus äussersterNiedrigkeit und Verwahrlosung zu studieren, ist ihr bis in die letzte Zeithinein ein mit ehrfürchtiger Bewunderung gemischter, ästhetischer Genuss ge-

wesen.