Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
Entstehung
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Die Neue Zeit

1.Band Nr.13

Ausgegeben am 27.Dezember 1912

31. Jahrgang

I

Minna K a utzky.

In die alte Garde der Mitarbeiter, die einst die" Neue Zeit" aus derTaufe gehoben haben, hat der Tod eine neue Lücke gerissen: MinnaKautzky ist im sechsundsiebzigsten Lebensjahr sanft entschlafen.In den ersten Jahrgängen dieses Blattes ist sie oft vertreten: mit Avf-sätzen über das deutsche Theater der Neuzeit, über Spiritismus, überVogelschutz, über Wassili Weretschtschagin und Friedrich Hebbel : es warvielerlei und doch viel, denn immer war sie mit ihrem ganzen Herzendabei.

Die schönste dieser Arbeiten ist vielleicht der Aufsatz über die Staats-arbeiter und die Havsindustrie im Salzkammergut . Er schildert den ver-heerenden Einbruch des Kapitalismus in die herrlichen Alpentäler zmden Hallstätter See; an der Hand der Urkunden tritt das Sonst und dasJetzt vor die Augen der Leser, aber nicht als farbloses Abbild, sondernals ein lebendiges Gemälde, das mit wahrhaftigen Augen geschaut undmit künstlerischer Hand ausgeführt ist.

So auch ist der Eindruck der Romane, die Minna Kautsky verfasst hat unddie viele unserer Leser aus den Feuilletons der Parteizeitungen kennenwerden. Gewiss lässt sich vom ästhetischen Standpunkt aus manches anihnen aussetzen: das mitunter schablonenhafte Gerüste der Handlung,oder die allzu fleckenlose Herrlichkeit des Liebespaars oder anderekonventionelle Behelfe. Aber wahrlich- in einer Zeit, wo die ästheti-sche Bildung sich mehr und mehr den grossen Kulturinteressen der Menschheit entfremdet, wo ein aufgeblasener und leerer Hochmut die knabenhaf-te Weisheit predigt, dass ein Dichter** k* kein Politiker sein dürfe,-in einer solchen Zeit soll uns wenig kümmern, was unserer verewigtenFreundin an einer echten Dichterin fehlte, wenn wir uns des getröstendurren, dass sie eine echte Kämpferin war.

Und eine echte Kämpferin war Minna Kautsky . Wenn es das traurige Schicksal manches Dichters ist, mit himmelstürmenden Anläufen zu beginnen, umsich schliesslich im Sumpfe des As the tentums behaglich zu betten, sowar ihr das glücklichere Los beschieden, sich aus der rein künstleri-schen Umwelt, darin sie gross geworden war, noch in späten Jahren zumVerständnis des proletarischen Emanzipationskampfes durchzuarbeiten undihn mit der ganzen Glut ihrer leidenschaftlichen Natur zu erfassen.Nicht nur das Herz, sondern auch der Zorn machte diese Dichterin. Undmochte ihr die Tendenz einmal den künstlerischen Rahmen sprengen, sodoch nur durch anregende Gedanken, die sie- eine gescheite Frau, diedas Leben in Süss und Saver durchgekostet hatte= aus dem Schatze einerreichen Erfahrung zu spenden wüsste.

Die stählende Kraft eines grossen Kampfes bewährte sich auch an ihr; sieblieb frisch und klar bis in ihre hohen Jahre. Sie hatte ihr Lebtagin Österreich gelebt, aber als sie sich, schon an der Schwelle desGreisenalters, zur Übersiedlung nach Berlin entschloss, brauchte sienicht auf das warnende Wort zu hören, dass man alte Bäume nicht ver-pflanzen solle. Sie schlug noch tiefe Wurzeln in dem neuen Boden. DenGewinnen folgten dann freilich auch die Verluste; Natalie Liebknecht und Julie Bebel , mit denen sie nahe befreundet war, wanderten vor ihrins unbekannte Land. Aber ihr blieb noch ein grosser Kreis von Freunden.ihr blieb ein reicher Kranz von Kindern, Enkeln und Urenkeln, ihr bliebdie Freude am Dasein und jene heitere Ruhe, die der verdiente Lohneines wohl vollbrachten Lebens ist. Das Alter hatte keine Schrecken fürsie; wenn es einmal leise anklopfte in leichten Vergesslichkeiten ungVerwechslungen, so lachte sie selbst am herzhaftesten über die

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