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Abschrift
aus:" Vorwärts", 21.12.1912.
Nach schweren, mit bewundernswerter Fassung ertragenen Leidenhat Minna Kautsky am Morgen des 20. Dezember die
Augen für immer geschlossen.
Sie war am 11. Juni 1837 in Graz in der Steiermark geboren. Ausder kleinbürgerlichen Enge, in der sie aufwuchs, trachtete siesich zu befreien, indem sie sich frühzeitig dem Schauspielberufzuwandte. Ein Lungenleiden vernichtete nach erfolgreicher, kurzerBühnentätigkeit alle die hochfliegenden Erwartungen, die sie mitihrer glänzenden Begabung zu hegen berechtigt war und verwies sieganz auf das Walten im Familienkreise.
Nach vielen Jahren erblühte ihr ein neues Feld beglückenden Wir-kens, als sie mit ihrem ältesten Sohne Karl in die Ideenwelt desSozialismus hineinwuchs, aus der auch der künstlerisch gestaltendeTrieb, den sie so lange zurückgedrängt, einen neuen, mächtigenImpuls empfing. Seit ihre erste kleine Erzählung" Ein Proletarier-kind" 1876 in der" Neuen Welt" erschien, die damals von Wilhelm Liebknecht redigiert wurde, veröffentlichte sie in der Parteipres-se Deutschlands und Oesterreichs eine lange Reihe von Erzählungenund sozialen Romanen, die der Verfasserin besonders unter dem äl-teren Parteigenossen einen grossen Kreis von Verehrern ihrer schlich-ten Erzählkunst verschafften. Ihre lebenswahre Schilderung prole-tarischer und kleinbürgerlicher Verhältnisse, ihre kerngesunde, le-bensbejahende Weltanschauung, ihr nie ermattender inbrünstigerGlaube an die sieghafte Kraft des sozialistischen Gedankens und nichtzuletzt ihr frischer Humor sind die Elemente ihrer Kunst, die MinnaKautskys Werken im Proletariat, für das sie geschaffen wurden, dau-ernde Wirkung sichern.
Auch nachdem unsere Genossin das biblische Alter überschritten,****blieben ihr die Freude am Schaffen und ihr sonniges Temperament er-halten. Es ist noch nicht lange her, da überraschte sie ihre Freundemit der Vorlesung eines Lustspiels, dem von einem Nachlassen der ge-staltenden Kraft nichts anzumerken war. Für die" Neue Welt" hattesie noch in den letzten Jahren eine wertvolle Gabe," Die Leute vonSt. Bonifaz", und schliesslich ging sie an die Niederschrift ihrerLebenserinnerungen, die, ursprünglich nur für die nächsten Angehöri-gen bestimmt, hoffentlich noch einem grösseren Leserkreis zugänglich