Revolutionsnummer der Rheinischen Zeitung vom 9.Nov.1921
Die Befreiung der Frau
Das ist das ewige Gebot
des ungestörten Weiterwebens
Eine neue Form des Lebens ist jeder Tod.
Klara Muller- Jahnke.
Die endliche Gleichberechtigung der Frau durch Verleihung des Wahl-rechtes in jenen Revolutionstagen ist eine Ueberraschung für vielegewesen. In Wirklichkeit war sie eine grosse Selbstverständlichkeit undfügte sich benahe naturnotwendig in die Kette des Geschehens..Denn dieZeit war reif, überreif auch hierfür.Der jahrzehntelang währende Eman-zipationskampf der Frauen war bedingt durch die Revolutionierung desgesamten Wirtschaftslebens. Diese wirtschaftlichen Umwälzungen wiederumrevolutionierten Sitten Sitten und Gebräuche, stürzten gesellschaft-liche und familiäre Vorurteile über den Haufen.Die Entwicklung gibtwieder den Sozialisten recht, die aus der Erkenntnis dieser gleich Natur-gesetzen unaufhaltsamen Entwicklung ihre Lehren ziehen und den Gehaltdieser Lehren im praktischen Tageskampf verwerten.Aus dieser tiefen Er-kenntnis ist auch die Tatsache erwachsen, dass die Sozialdemokratie dieeinzige Partei in Deutschland war, die den Kampf um die Befreiung der Frauin ihrem Programm als Forderung enthielt, die Vorstösse in den Patlamentenmachte und Anträge stellte, die stets von allen anderen Parteien abgelehntwurden. Wir unterschätzen in diesen Tagen des Erinnerns keineswegs dieArbeit mutiger IFAX bürgerlicher Frauen die Vorkämpferinnen desFrauenstimmrechts waren.Wenigen, die jahrzehntelang Pionierarbeit leisteten,ist es vergönnt, die Tage der Erfüllung zu erleben. Unter diesen wenigennimmt Minna Cauer , die jetzt 80 jährige, den ersten Platz ein, und es geziemtauch der Sozialistin ehrerbietig zu danken für ihr Lebenswerk.
In den Tagen des Erinnerns aber sollten wir auch wieder des Mannes geden-ken, der Tausenden von Frauen das Rüstzeug geliefert hat der wie keinMann bavor und gegenwärtig, die Sache der Frau so zu seiner eigenenmachte August Bebel : Sein von Wissenschaftern der bürgerlichen Denk-methodescharf angegriffenes" durchaus unwissenschaftliche"Buch" Die Frau und der Sozialismus" erlebte 50 Auflagen und war für unge-zählte Frauen führend, tröstend und belehrend. Ja, man geht nicht zu weit,wenn man von diesem Buch behauptet, dass es die Revolutionierung des Benkensso unterstützte, dass daraus die Kraft zurTat, zur grösseren, gesteigertenAktivität bei bürgerlichen und sozialistischen Frauen entstand.
Wie neu, wie ganz in unsere Tage passend, liest sich z.B. folgende, dem Vor-wort der 50.Auflage entnommene Stelle:" Dass die Agitation der führendenFrauen ihr gutes Teil zu dieser Entwicklung(( dass bis in die höchsten KKreise die Erwerbstätigkeit und Berufsausbildung der Töchter vorgeschrittenist und beinahe selbstverständlich angesehen wird II beigetragen hat, ver-steht sich von selbst.--- Ihre Erfolge waren aber nur möglich, weil unseregesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ihnen in die Hände ar-beitete, genau wie der Sozialdemakratie. Selbst Engelszungen haben nurErfolg, wenn der Resonanzboden für das, was sie predigen, vorhanden ist. Undkein Zweifel, dieser Resonanzboden wird immer günstiger, und das sichertweitere Erfolge. Wir leben bereits mitten drin in der sozialen Revolution,aber die meisten merken es nicht." Das schrieb Bebel im Jahre 1909
Eines zweiten Werkes aber wollen wir bei der Erinnerung an die November-tage 1919 gedenken, eines Buches, das leider nicht so bekannt und gelesenwurde, und einer Frau, Lily Braun , die dieses Buch schrieb. In Lily BraunsLeben haben manche Begebenheiten Schatten geworfen. Sie selbst hat manchesgetan, das Aussenstehende nicht verstanden haben. Aber die Schatten aufihrem Lebenswege brauchen uns die klare und gründliche Arbeit nicht zu