Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
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Jg. 10, Heft 5

4. Februar 1955

TELEKY: Geschichtliches, Biographisches, Autobiographisches.

änderte 1906 seinen Namen in ,, Deutsches Zentralkomitee zurBekämpfung der Tuberkulose".

Als Vorgänger der Fürsorgestelle in Deutschland sind bis zueinem gewissen Grade die Polikliniken anzusehen. Die ersteTuberkulosefürsorgestelle wurde von PÜTTER und RHEINEBOTH1900 in Halle a.d. S. eröffnet. Ihr folgte bald die Fürsorgestelle inHamburg . 1907 gab es bereits 117 Auskunfts- und Fürsorge-stellen für Lungenkranke in Deutschland . 1925 bereits 1901.Die erste Säuglings- Fürsorgestelle wurde 1905 von TUGEND-REICH in Berlin gegründet, schon früher hatte durch verschie-dene Vereine und Organisationen eine lebhafte Propaganda fürnatürliche Säuglingsernährung, Selbststillen eingesetzt. 1907gab es in Deutschland 73 Säuglings- Fürsorgestellen, 1910 303,1933 in Preußen allein 2676. Es waren zunächst vor allemVereine, die solche Fürsorgestellen ins Leben riefen. 1909 wurdedie ,, Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz" geschaffen;beispielgebend war der ,, Verein für Säuglingsschutz" in Düssel­ dorf unter Leitung von A. SCHLOSSMANN , MARIA BAUM,GUDULA KALL. Fürsorgetätigkeit aber erwies sich auch anderenVolksleiden gegenüber als notwendig. Schon 1910 betonteTUGENDREICH, daß örtliche Zentralstellen der gesamten Für-sorge notwendig seien, Zusammenfassung aller Fürsorgetätig-keit in einem Kreise oder einer Stadt unter einer Leitung.Allgemein erwies sich ihr Betrieb durch die Kreis- oder Stadt-verwaltungen als notwendig und ihre einheitliche Leitung durcheinen Arzt, womöglich einen besonders angestellten ,, Kreis-fürsorgearzt oder den Kreisarzt.

Es ist hier nicht der Ort, diese Entwicklung eingehend zubeschreiben. Der Verfasser, so lange von Deutschland ab-wesend, würde sich auch hüten, hier auf Grund von Berichteneine Darstellung zu geben oder gar zu verschiedenen FragenStellung nehmen zu wollen.

Zweierlei aber erwies sich als notwendig: Fachlich geschulteÄrzte, fachlich geschulte Pflegerinnen.

Der erste ,, Jahreskurs für soziale Hilfsarbeit" wurde 1899in Berlin gegründet, aus ihm entstand 1908 die Berliner sozialeFrauenschule. Schon 1918 erschienen in Preußen Ministerial-vorschriften für die Prüfungsordnung von Sozialfürsorgerinnen,1924 wurde verlangt: 2jähriger Besuch einer staatlich aner-kannten Krankenpflegeschule, jähriger Besuch einer eben-solchen Säuglingspflegeschule, 2jähriger Besuch einer staatlichanerkannten Wohlfahrtsschule. Die Anforderungen an Aus-bildung waren also keineswegs gering. Diese Bestimmungenwurden im Lauf der Jahre mehrfach abgeändert.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde A. GOTTSTEIN , der alsStadtverordneter von Charlottenburg Einrichtungen der so-zialen Fürsorge geschaffen hatte, Ministerialdirektor im preu-Bischen Gesundheitsministerium. Er schuf 1920 die ,, Sozial-hygienischen Akademien zur Ausbildung von Kreisärzten,Kreiskommunalärzten, Fürsorgeärzten und Schulärzten", jeeine in Berlin , Düsseldorf , Breslau . Sie hatten für die genanntenArztanwärter dreimonatliche Kurse zu halten, die jeder, derzur Kreisarztprüfung zugelassen werden wollte, besucht habenmußte. Außerdem hielt die Düsseldorfer Akademie häufigSpezialkurse ab, z. B. über Bekämpfung der Geschlechtskrank-heiten, über Berufskrankheiten u. a.

Eine weitere Ausdehnung nach der sozialen Seite hin erhieltdie ärztliche Tätigkeit, als durch die Verordnung vom 12. Mai1925 eine Reihe von Berufskrankheiten rechtlich den Unfällengleichgestellt, wie diese entschädigt werden sollten. Die Düssel­ dorfer sozialhygienische Akademie hielt damals über dieseBerufskrankheiten kurzfristige Kurse ab, die von mindestensdrei Viertel aller preußischen Kreisärzte besucht wurden.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts und Anfang diesesJahrhunderts beherrschte die Bakteriologie einen großen Teildes öffentlichen Gesundheitswesens, beherrschte fast die ganzewissenschaftliche Hygiene und hielt fast alle Lehrstühle derUniversitäten besetzt. Nur in sehr vereinzelten dieser Institutewurde auf andern Gebieten gearbeitet, so von K. B. LEHMANN-Würzburg auf gewerbehygienischem und zeitweise auch vonKRUSE- Leipzig auf statistischem.

Da begannen zunächst außerhalb der Universitäten Stehendeandere Wege auf dem Gebiet der Gesundheitspflege zu suchen.ALFRED GROTJAHN , geboren 1869, Sohn und Enkel vonim Harz ansässig gewesenen Ärzten, war schon in jungen Jahrenund später wieder Sozialdemokrat und lebhaft an sozialenProblemen interessiert. Sehr hübsch schildert er seinen Werde-gang und zugleich auch den Werdegang der sozialen Hygiene in,, Erlebtes und Erstrebtes. Erinnerungen eines sozialistischen Arztes." Berlin 1932. Er schreibt: ,, Das erste Jahrzehnt des

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20. Jahrhunderts war die Zeitspanne, in der sich die Betonungdes sozialen Momentes in Medizin und Hygiene wissenschaft-lich verselbständigte."

1902 begründet er zusammen mit F. KRIEGEL, einemNationalökonomen, die ,, Jahresberichte über Soziale Hygieneund Demographie".

1905 bewarb er sich an der Medizinischen Fakultät derBerliner Universität um die Dozentur für ,, Soziale Hygiene ".Aber der Professor der Hygiene, der sehr bedeutende MAX RUBNER , wehrte sich gegen die Bestrebungen, die sozialeHygiene als Sonderfach( neben der experimentellen) zu ver-selbständigen. GROTJAHN erhielt die Dozentur erst 1912durch FLÜGGES Einfluß, als RUBNER auf einer Reise in USA abwesend war. 1920 wurde er ordentlicher Professor für sozialeHygiene.

GROTJAHN war und blieb der Theoretiker der sozialenHygiene. Schon 1898 hatte er ein Buch über Alkoholismuserscheinen lassen. Ihm folgte 1902 eines über ,, Wandlungen inder Volksernährung", 1904,, Soziale Hygiene und Entartungs-problem"( 4. Suppl. zu Weyls Handbuch der Hygiene), 1908,, Krankenhauswesen und Heilstättenbewegung im Lichte derSozialen Hygiene"( Leipzig ), 1912 A. GROTJAHN und J. KAUP ,, Handwörterbuch der Sozialen Hygiene", 2 Bände, Leipzig ,1914,, Geburtenrückgang und Geburtenregelung im Lichte derindividuellen und der Sozialen Hygiene" ,,, Soziale Pathologie",3 Auflagen, 1912-1929,, Arzt und Patienten", Leipzig 1929.GROTJAHN war unbestritten der geistige Führer der theo-retischen Sozialhygiene. Neben ihm seien noch J. KAUP undA. GOTTSTEIN genannt. Aber praktisch hat GROTJAHN aufdem Gebiet der sozialen Hygiene, der Gesundheitsfürsorgekaum gearbeitet. Er war zwar vom 15. September 1915 bis1. Juli 1920 Vorsteher der Sozialhygienischen Abteilung desBerliner Magistrats, seine Tätigkeit war aber, wie er selbstschreibt, eine im wesentlichen beratende, war aufs stärkstebehindert durch die Kriegsverhältnisse, und er selbst fühltesich als Beamter wenig behaglich. Mit der Ernennung zumordentlichen Professor gab er die Stelle auf.

Auch in Wien war es der Sohn einer alten Arztfamilie und sovon jeher zum Arzt bestimmt, der, von lebhaftem Interesse fürsoziale Probleme ergriffen, Sozialdemokrat wurde, auch einenAugenblick schwankte, ob er nicht von der Medizin zur Natio-nalökonomie umsatteln solle. Da war aber für ihn, LUDWIG TELEKY ( geboren in Wien 1872), ein Hindernis: Schon imletzten Gymnasialjahr war er innig befreundet mit einem umzwei Jahre jüngeren Mädchen, GISELLA HOFFMANN. Schon inseinen ersten Medizinsemestern stand bei beiden fest, daß sieheiraten würden, sobald sein Berufsstudium beendet und eretwas Boden im Beruf gefaßt haben würde. Das ergab schonbeim Mediziner eine langjährige Wartezeit, sie wäre für denJuristen oder Volkswirtschaftler noch viel, viel länger gewesen.So wurde an einen Wechsel des Studiums nicht gedacht, aberdas Interesse an sozialen Fragen und sozialen Wissenschaftenblieb, wurde gefördert durch den großen studentischen ,, Sozial­ wissenschaftlichen Bildungsverein " und den Besuch vonUniversitätsvorlesungen.

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1898 heiratete das Paar, nachdem die Eltern ihren Widerstandaufgegeben und materielle Unterstützung zugesagt hatten.Meine ärztliche Praxis ich will von nun an, wie es in Auto-biographien üblich ist, von mir in der ersten Person sprechenfüllte doch nur einen kleinen Teil des Tages aus. Auch als icheine Stelle als Assistent in einer chirurgischen Ambulanz an-genommen hatte, war ich doch sehr viel unbeschäftigt. Dawar mir peinlich, daß meine junge Frau den größten Teil desTages mit der Wirtschaft beschäftigt war, ich aber müßig ging.So begann ich mit wissenschaftlich literarischer Arbeit. Nacheinigen rein klinischen Arbeiten fand ich den Weg zu Pro-blemen, die medizinische und soziale zugleich waren, ich fandvon den beiden mich interessierenden WissenschaftsgebietenMedizin und Sozialwissenschaften die Synthese in den Pro-blemen der ,, Sozialen Hygiene".

Die medizinischen Zeitschriften, vor allem die ,, Wienerklinische Wochenschrift", deren Schriftleiter Prof. ALEXANDERFRAENKEL, der Vorstand der chirurgischen Abteilung, in der icharbeitete, war, nahmen meine Arbeiten gerne. Es war nur eineSchwierigkeit: meine schwer leserliche Schrift. Da half meinejunge Frau: sie schrieb meine Arbeiten ins reine. Auch später,als ich mir angewöhnt hatte, meine Arbeiten in GabelsbergerKurzschrift zu schreiben, erlernte meine Frau diese Kurz-schrift, erlernte Maschineschreiben und besorgte so weiter dieReinschrift. Dabei machte sie auf Unklarheiten, auf Mängel,