Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
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TELEKY: Geschichtliches, Biographisches, Autobiographisches.

auf Lücken, auf Weitschweifigkeiten aufmerksam, die ich dannverbessern mußte. Bei dieser Zusammenarbeit blieb es all diefolgenden Jahrzehnte, trotzdem dann Wirtschaft und Kindermeine Frau eine Zeitlang reichlich in Anspruch nahmen. AlleAufsätze, Bücher, Briefe, soweit sie nicht rein amtlichenCharakter hatten und von beamteten Sekretärinnen geschrie-ben wurden, schrieb meine Frau ins reine, riet aber vorherVornahme der notwendigen formalen Verbesserungen an.

In Deutschland machte damals( siehe oben) die Tuberkulose-bekämpfung den Wandel von der Heilstättenbehandlung zurerweiterten Tätigkeit in Fürsorgestellen durch. Wie dortGROTJAHN und seinem Beispiel folgend, trat ich für Fürsorge-tätigkeit ein. Zunächst aber hatte ich einen harten Kampf umdie Reform der der Tuberkulosebekämpfung dienenden Zen-tralorganisation, die nach dem Tode ihres Begründers, A. Löw,in eine schwere Krise geraten war, zu führen. Präsident dieserOrganisation war JOHANN GRAF LARISCH- MÖNNICH, und es istfür sein vornehmes Wesen charakteristisch, daß, nachdem derKonflikt in meinem Sinne durch Neugründung der Zentral-organisation beigelegt war, wir jahrelang, er als Präsident, ichals Schriftführer, aufs beste zusammen arbeiteten.

Im Gegensatz zu GROTJAHN legte ich Wert auf praktischeMitarbeit in der Gesundheitsfürsorge. Als Schriftführer diesesneugeschaffenen ,, Österreichichischen Zentralkomitees zur Be-kämpfung der Tuberkulose" hatte ich auf den Ausbau desFürsorgewesens und aller anderen Einrichtungen hinzuwirken.Es wurde nun alljährlich ein ,, Österreichischer Tuberkulose-tag" organisiert, auf dem von Ärzten wissenschaftliche Vor-träge gehalten wurden, ferner jährlich eine Tagung der Für-sorgerinnen mit für diese bestimmten Vorträgen und Beratun-gen. Von 1917 an redigierte ich das monatlich erscheinende,, Tuberkulosefürsorgeblatt".

Außer der Tuberkulosebekämpfung eröffnete sich mir einanderes Spezialgebiet. Die österreichische Arbeiterschaft warunter dem Einfluß ihres politischen Führers Dr. VIKTORADLER, der selbst Arzt gewesen war, an allen Fragen desgesundheitlichen Arbeitsschutzes lebhaft interessiert. So gabenmir die Gewerkschaften die Gelegenheit, mit Hilfe andererKollegen während Streiks einzelne Arbeitergruppen( Kohlen-ablader, Perlmutterdrechsler und andere) zu untersuchen undihre Arbeitsverhältnisse zu studieren.

1905 wurde ich der( einzige) Facharzt für Berufskrankheitenbei dem großen Wiener Krankenkassenverbande, und eswurden mir nun alle vorkommenden Fälle von Berufskrank­ heiten I mit Ausnahme der Hautkrankheiten zur Behand-lung in meine Sprechstunde gesandt- ein ungeheures Material.Um dessen Größe und Art zu kennzeichnen sei erwähnt, daßich bereits 1909 in der Zeitschrift für Nervenheilkunde über65 selbst beobachtete Fälle von Bleilähmung berichten konnte.Anfang 1906 kam eine Zündholzarbeiterin mit Phosphor-nekrose an eine Wiener chirurgische Klinik. Mit dem Mann derKranken als Führer zog ich mit meiner Frau im Juni 1906.durch die Orte des Böhmerwaldes, in deren Nähe sich Zünd-holzfabriken befanden. Tagelang ging es bergauf, bergab,überall wurden die Kranken in ihren Wohnungen aufgesucht,die Krankengeschichten erhoben, photographische Aufnahmengemacht. Von der offiziell als ausgestorben angesehenen Phos-phornekrose haben wir 80 Fälle( darunter auch bereits mitVerstümmelung ausgeheilte) selbst untersucht, über 142 andereBerichte erhalten.

Ähnliche Untersuchungen machten wir im Sommer 1909 inder Quecksilberbergwerksstadt Idria .

Leichter als in Berlin ging es in Wien mit dem Zutritt zurUniversität. Ich reichte Ende 1907 unter Vorlegung von über30 Arbeiten um die Dozentur für soziale Hygiene bei dermedizinischen Fakultät ein. Die nächste Folge war die Auf-forderung der Fakultät, ich möge dieses Fach definieren undumgrenzen. Ich gab die Definition ,, Die Soziale Hygiene hatdie Einwirkung sozialer und beruflicher Verhältnisse auf dieGesundheitsverhältnisse festzustellen und anzugeben, wiedurch Maßnahmen sanitärer oder sozialer Natur derartigeschädigende Einflüsse verhindert oder ihre Folgen nach Mög-lichkeit behoben werden können. Ihre Aufgabe ist es auchanzugeben, wie die Errungenschaften der individuellen Hygieneund der klinischen Medizin jenen zugänglich gemacht werdenkönnen, die einzeln oder aus eigenen Mitteln nicht imstandesind, sich diese Errungenschaften zunutze zu machen."Sie hat auch den Ärzten das wissenschaftliche Rüstzeug fürdie Tätigkeit auf diesem Gebiet zu liefern.

Der Wiener Professor der Hygiene, SCHATTENFROH, erklärte,ebenso wie sein Berliner Kollege, daß die Hygiene ein einheit-

ÄrztlicheWochenschrift

liches Fach sei, das nicht unterteilt werden könne; er müssesich entschieden gegen die Anerkennung der sozialen Hygieneals eines gesonderten Faches aussprechen. Aber, fügte er hinzu,wenn man das Gebiet ,, Soziale Medizin " nennen wolle, so habeer nichts gegen dieses Fach einzuwenden. Ich stimmte zu,erhielt die Dozentur und wenige Jahre später ein eigenesUniversitätsinstitut für dieses Fach. So ging jahrzehntelang inÖsterreich unter dem Namen Soziale Medizin , was in Deutsch­ land Soziale Hygiene genannt wurde.

Aber viele Theoretiker schüttelten über das Problem:Soziale Hygiene Soziale Medizin jahrelang die Köpfe,und es gab viel Streit darüber, welche Bezeichnung die bessere

wäre.

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Ich hielt Vorlesungen über Soziale Medizin ( 2 stündig). Dererste Teil erschien unter dem Titel ,, Vorlesungen über Soziale Medizin . 1. Teil. Die Medizinalstatistischen Grundlagen".G. Fischer, Jena , 2 Wochen vor Ausbruch des ersten Welt-krieges. Ferner hielt ich Vorlesungen über Gewerbekrank-heiten und Gewerbehygiene 2 St. wöchentlich, und wöchent-lich eine Exkursion in einen Gewerbebetrieb, und zwei Stundenwöchentlich ,, Sozialmedizinisches Seminar". Die Vorlesungenwaren gut besucht, die im Seminar durchgeführten Arbeitenwurden in den ,, Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der SozialenMedizin", erstes Heft bei Perles, Wien , die folgenden als Bei-hefte zu der amtlichen Zeitschrift ,, Das Österreichische Sani-tätswesen" erschienen, veröffentlicht.

Im Jahre 1917 hatte ich ein kleines, in den letzten Kriegs-jahren geschriebenes Büchlein erscheinen lassen: ,, Aufgabenund Probleme der sozialen Fürsorge und der Gesundheitspflegebei Kriegsende", 168 Seiten, Braumüller. Es hat seinen Zweckerfüllt, indem es vielen der ganz in alten Auffassungen ver-sponnenen österreichischen Gesundheitsbeamten die Bestre-bungen und Ziele moderner Gesundheitsfürsorge vermittelte.

Der erste Weltkrieg hinterließ ein verkleinertes Österreich und ein verarmtes Wien , dessen Industrie stark zurückgegan-gen war. In Deutschland aber blühte, die Soziale Medizin undHygiene auf. Darüber ist zum Teil oben berichtet worden. Derpreußische Landtag verlangte die Einstellung von Ärzten indie Gewerbeaufsicht, GOTTSTEIN gründete die Sozialhygieni­ schen Akademien. Da erhielt ich die Berufung als erst-ernannter preußischer Landesgewerbearzt für das Rheinlanddenn es gab in Deutschland nicht viele Gewerbehygienikerund zugleich als Leiter der in Düsseldorf gegründeten ,, West-deutschen sozialhygienischen Akademie". Ich nahm die Be-rufung an und übersiedelte mit meiner Frau nach Düsseldorf ( 1921). Von den beiden Töchtern hatte die eine gerade eineStellung als Fürsorgerin in Österreich angenommen, die anderebeendete in Wien ihr Gymnasialstudium und ging an einedeutsche Universität.

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Das erste Jahr in Düsseldorf war nicht leicht; wie überallkam man auch dort dem Nichteingeborenen von manchenSeiten mit Mißtrauen entgegen. Dann ein Arzt als Gewerbe-aufsichtsbeamter! da mußte manchem Betriebsleiter erst

in aller Höflichkeit klargemacht werden, daß man dem Landes-gewerbearzt, obwohl er Arzt sei, nicht technische Märchen auf-binden könne.

In der sozialhygienischen Akademie mußte den zahl-reichen Vortragenden erst klargemacht werden, was sozialeHygiene sei, so z. B., daß der Internist nicht Therapie derHerzkrankheiten vorzutragen habe, sondern über den Zu-sammenhang innerer Krankheiten mit der sozialen Umwelt,der Geburtshelfer habe nicht die Technik des künstlichenAbortus vorzutragen, sondern die Entstehung des Abortusdurch Einflüsse der Umwelt, eventuell noch etwas über diesoziale Indikation des künstlichen Abortus. Dazu kam, daßdie Hörer selbst äußerst kritisch waren, sich sofort beschwerten,wenn ein Vortragender durch Übergreifen auf ein anderesGebiet etwas vortrug, was ein anderer schon vorgetragen hatte.Wenn ein Vortragender sich an ein Lehrbuch hielt, da meintendann die Hörer: das können wir ja selbst im Buche nachlesen.Das führte schließlich dazu, daß nur solche als Lehrer wirkendurften, die auf dem Gebiete praktisch tätig waren. Dadurchwurde die Zahl der Lehrer sehr groß- aber die Vorträge gut.Erstaunlich war, wie wenig die Hörer, Ärzte, die doch schoneinige Jahre in der Praxis gestanden waren, von sozialen Ver-hältnissen und Einrichtungen wußten, wie wenig von dem Ein-fluß äußerer Verhältnisse auf die Gesundheit, und selbst vonder Sozialversicherung nichts, außer dem, was ihnen dieStandeszeitungen erzählt hatten.

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Abgesehen von dieser meiner Tätigkeit an der sozialhygie-nischen Akademie beschränkte ich mich ganz auf meine Tätig-