Akte 
Manuskripte und Material zur Geschichte der Frauenbewegung
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Jg. 10, Heft 54. Februar 1955

TELEKY: Geschichtliches, Biographisches, Autobiographisches.

keit als Gewerbearzt, hielt mich fern von allen andern sozial-hygienischen Fragen. Hier, wo so viele bedeutende Männer imFürsorgewesen tätig waren, es geschaffen hatten, wäre es mirunpassend und anmaßend erschienen, in diese Dinge, auch injene, mit denen ich mich in Österreich beschäftigt hatte,hineinzugreifen. Auch bedarf es gerade in der Fürsorge zurBeurteilung dessen, was notwendig oder angezeigt ist, ein-gehender Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und des Volks-charakters. Auch als ich mit SCHLOSSMANN und GOTTSTEINgemeinsam( 1925-1927) das sechsbändige ,, Handbuch derSozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge"( Verlag Springer )herausgab, das den ganzen Stand unseres damaligen Wissensund der damaligen Einrichtungen wiedergibt, beschränkte ichmich darauf, den Abschnitt ,, Tuberkulose " zu schreibenich hatte ihn als Teil meiner ,, Vorlesungen" geplant und ingroßen Zügen bereits fertig, als ich Wien verließ, und bei derHerausgabe des Bandes Gewerbehygiene und bei Abfassungvon einzelnen seiner Kapitel tätig zu sein. Von 1930 an gab ichgemeinsam mit ZANGGER- Zürich das ,, Archiv für Gewerbe-pathologie und Gewerbehygiene"( Verlag Springer ) heraus.Es ist jetzt nach mehrjährigem Ruhen wieder auferstanden.

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Das Gehalt für gewerbeärztliche Tätigkeit und Leitung derAkademie zusammengenommen wäre laut den bei der Be-rufung getroffenen Vereinbarungen ein recht gutes gewesenda kam aber die Inflation; es schrumpfte beträchtlich, dasGehalt von seiten der Akademie, für die die Geldmittel kaumaufzubringen waren, wurde sogar gekürzt. Aber dank denbescheidenen Ansprüchen, die meine Frau an äußere Verhält-nisse stellte, kam man doch durch, konnte sogar anderen,denen es schlimmer ging, helfen.

Diese Bescheidenheit meiner Frau ermöglichte es mir auch,mich, als die Versicherung der Berufskrankheiten eingeführtwurde, auf den Standpunkt zu stellen, daß ich nur Gutachtenfür die höheren Instanzen abgebe. Wer solle für die höherenStellen Gutachten abgeben, wenn ich die für die unteren ab-gebe? Ich überließ diese, wofür ich auch bei den Beratungenim Ministerium eingetreten war, den Kreisärzten und ein-zelnen ausgewählten Fachärzten. Der Verzicht auf diese sehrzahlreichen kleineren Gutachten bedeutete den Verzicht aufeine keineswegs unbedeutende Summe Geldes jährlich, aberer gewann mir Freunde und, vor allem!- ließ mir Zeit, michgroßen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Da dasPreußische Ministerium mir für Forschungszwecke stets diegewünschten notwendigen Geldmittel( für Laborantinnen,Bürokräfte usw.) zur Verfügung stellte, so konnte ich vieleUntersuchungen durchführen. So sind z. B. die ersten Ar-beiten auf dem europäischen Festlande über Silikose von mirzusammen mit LOCHTKEMPER durchgeführt worden und zahl-reiche weitere Silikoseuntersuchungen von uns beiden folgten,insgesamt 515 Druckseiten. Meine Frau freute sich über dierege Tätigkeit ihres Mannes, seine wissenschaftlichen Leistun-gen und half mit, wo sie konnte. Weiter schrieb sie alle meineArbeiten und alle meine privaten Briefe auf der Schreib-maschine, weiter beriet sie mich bei der äußeren Form vonArbeiten und Vorträgen, manchmal auch bezüglich des Inhaltes.

Aber sie hatte auch ihr eigenes Tätigkeitsgebiet, ganz un-abhängig von ihrem Manne: Schon in Wien war sie in dem vonFrau Professor KASSOWITZ geführten ,, Verein abstinenterFrauen" tätig gewesen, hatte Verbindungen mit allen andernAbstinentenvereinen und war auch in ihnen mannigfach tätig.In Düsseldorf war sie Leiterin der Ortsgruppe Düsseldorf des,, Deutschen Frauenvereines für alkoholfreie Kultur". Sie ver-anlaßte, daß Wanderlehrerinnen nach Düsseldorf kamen, inSchulen und Vereinen Vorträge hielten, in der ländlichen Um-gebung die Erzeugung alkoholfreier Fruchtsäfte lehrten.

Geselligkeit hatten wir wenig. Wir hatten unsere Arbeit undwir hatten einander. Wir waren fast unser ganzes Leben langwie wir es nannten- ,, einsame Spatzen" und dabei glücklich.

Aber das Geld war doch etwas knapp. Da ersuchte ich ineiner Kuratoriumssitzung der Akademie, Vorsitzender derRegierungspräsident, mir mein Gehalt wieder in der ursprüng-lich abgemachten Höhe zu geben. Das sei nicht möglich, hießes, denn Gehaltserhöhungen für öffentliche Angestellte seiengesetzlich verboten, und das Geld der Akademie ströme aus-schließlich aus öffentlichen Geldern. Aber, meinte der Re-gierungspräsident, er werde sich bemühen, mir den Professor-titel zu verschaffen; das sei nicht ganz einfach, denn diesenTitel verleihe der Unterrichtsminister, die sozialhygienischeAkademie aber unterstehe dem Wohlfahrtsministerium. Damir an dem Titel gar nichts lag, schwieg ich. Bei der nächst-

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jährigen Kuratoriumssitzung wurde vom Regierungspräsi-denten bedauert, daß er seinen Vorsatz wegen des Professor-titels noch nicht habe ausführen können, er werde es jetzt tun.Ich schwieg abermals. Aber zwei Tage später wurde ich zumRegierungsvizepräsidenten, einem jovialen jüngeren Mann, ge-rufen, der sagte: ,, Wie kommt es denn man sagt mir aufder Post( des Regierungsgebäudes), daß alle Briefe an Sie an, Professor Teleky' adressiert sind?" Ich war über das Ganzeschon etwas ärgerlich und erwiderte: ,, Eigentlich ist es fürmich viel ehrenvoller, wenn jeder Fachkollege mir den Pro-fessortitel gibt, als wenn das einmal ein preußischer Ministertut." Wir beide lachten. Aber wenige Wochen später kamHitler zur Herrschaft. Meine Tätigkeit in Deutschland fand,da ich jüdischer Abstammung bin, ein Ende.

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Wir gingen zunächst( 1934) nach Wien zurück, wo ich Stel-lungen bei einer großen Krankenkasse und beim Verband derLebensversicherungsgesellschaften fand und meine schrift-stellerische wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzte. Meine Frautrat wieder in den ,, Verein abstinenter Frauen" ein und konntenach dem Einmarsch Hitlers mit Hilfe ihrer deutschen Er-fahrungen durch rasche Umwandlung des Vorstandes undBeitritt zum deutschen Zentralverein den Verein, der eineGaststätte besaß, vor der Auflösung bewahren.

1939 gingen wir nach USA . Zu praktischer Tätigkeit ge-langte ich nicht mehr, weiter aber veröffentlichte ich wissen-schaftliche Arbeiten, weiter half dabei meine Frau. Ein Buchin englischer Sprache erschien: ,, History of Factory and MineHygiene", Columbia University Press 1948. Ferner ,, DieEntwicklung der Gesundheitsfürsorge. Deutschland , England,USA." Springer- Verlag 1950. Die ,, Gewerblichen Vergiftun-gen" im Handbuch der inneren Medizin, Springer- Verlag , sindim Druck.

Der Weltkrieg hatte alle unsere Verbindungen mit dendeutschen und österreichischen Freunden abgebrochen. NachBeendigung des Krieges wurde der Briefwechsel mit ihnen,sobald es möglich war, wiederaufgenommen.

Da erhielt ich im Jahre 1952 vom Komitee der 2. öster-reichischen Tagung für Arbeitsmedizin, Vorsitzender Sections-chef Dr. A. KHAUм, die Einladung, auf dieser Tagung, Ok-tober 1952, einen Vortrag zu halten, meine Reisekosten würdenersetzt werden. Das war eine liebenswürdige, echt öster-reichische Geste. Ende September fuhren meine Frau und ichvon New York ab, besuchten die Tochter in London undkamen dann nach Wien , wo unsere andere Tochter als Für-sorgerin lebt.

Welch großes Glück, unser letztes Glück diese Reise be-deutete, läßt sich kaum sagen. Welch Glück für uns, all das,woran wir in den frühesten Anfängen mitgeholfen, nun sogewaltig entwickelt zu sehen!

Meine Frau und ich hatten 1904-1912 an vier Tagungen der,, Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz"teilgenommen; meine Frau war eine der wenigen an den wissen-schaftlichen Sitzungen teilnehmenden Frauen gewesen. DieGesamtteilnehmerzahl hatte immer nur 100-150 Personenbetragen. 1906 fand in Mailand , einberufen vor allem vonL. DEVOTO, der dort die erste Klinik für Berufskrankheitengeschaffen hatte, der erste ,, Internationale Kongreß fürArbeiterkrankheiten" statt. Auf diesem ,, internationalen"Kongreß waren anwesend rund 300 Italiener, 3 Österreicher( wir und H. SCHRÖTTER), 2 Reichsdeutsche, 1 Schweizer . Nunauf der Tagung für Arbeitsmedizin des so klein gewordenenÖsterreich waren rund 400 Österreicher und rund 30 Gäste ausandern Ländern anwesend.

Ich hatte mit den Gewerkschaften zu Beginn des Jahr-hunderts eine Berufsberatungsstelle eingerichtet, einmalwöchentlich, besucht von meist 3-5 Jugendlichen, begleitetvon ihren Eltern. Heute ist für einen großen Teil der Jugend-lichen bei Eintritt in den Beruf die ärztliche Untersuchungvorgeschrieben; 1951 wurden so 25530 Jugendliche in Wien untersucht. Darüber hinaus aber wird der weitaus größte Teilder einen Beruf ergreifenden Jugendlichen ärztlich unter-sucht. Krankenkasse( Wiener Gebietskrankenkasse, ChefarztDr. TUCHMANN), Arbeiterkammer und Gewerkschaften arbei-ten zusammen, um für die kranken und erholungsbedürftigenJugendlichen Sorge zu tragen.

Als Begutachtungsarzt der Niederösterreichischen Arbeiter-unfallversicherungsanstalt hatte ich deren Direktor immerwieder auf die schlechte Behandlung Verunfallter durch prak-tische Ärzte hingewiesen, hatte auch über die mangelhafteNachbehandlung Verletzter in den Ambulatorien der Wiener