Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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schichte bewusst miterlebt.

-6-tha

Es sind heute nur noch wenige Frauen vorhanden, die sich eine lebendigeErinnerung an jene Zeit bewahren konnten, in der um das Frauenwahlrechtgekämpft wurde, in der es um den Schutz der Arbeiterin, um Mutter- undKindesrecht im weitesten Sinne ging, und um die Zulassung zu vielen Be-rufen, die damals den Frauen verschlossen waren. Nur wenige sind noch da,die an dem Hochgefühl des endlichen Sieges teilgenommen haben, als dieFrauen nach jahrzehntelangen Kämpfen endlich das allgemeine Wahlrechterhielten.

Die politische Mündigkeitserklärung der Frauen im Jahre 1918/1919 warnur eine Etappe auf dem Wege der Frauenemanzipation. Nachdem galt es,alte unerfüllte Forderungen der Frauen auf Gehalt und Berechtigung zuprüfen, sie in Formeln zu bringen, die in der Gesetzgebung und in derPraxis des Lebens realisierbar sind. Das nahm zu einem guten Teil diepolitisch tätigenKraft der Frauen in der Zeit der Weimarer Republik in Anspruch,

neben

der Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen, die für das Volks-ganze von grosser Bedeutung waren.

Das Gros der heutigen Frauengeneration weiss wenig, zum Teil garnichtsdavon. Von dem, was uns neben der erlebnismässigen Erinnerung an lite-rarischen Hilfsmitteln zur Verfügung stand, um das Band zur Vergangen-heit immer wieder neu zu knüpfen, ist wenig genug geblieben, und dasWenige ist aus den verschiedensten Ursachen durchaus nicht allgemein zu-gänglich, nicht einmal einem kleinen Kreis.

In der Mentalität der jüngeren Generation hat sich seit 1933 bis heuteso manches spürbar geändert. Ich stelle das nur fest, ohne Kritik daranzu üben, und wünsche nur, dass es mir trotzdem gelingen möge, auch vonden jüngeren Frauen verstanden zu werden. Das wäre ein sehr schöner Lohnfür die Bemühungen in diesem Buch. Was uns spürbar fehlt, ist, dass in dden Jahren, in denen der freie Gedankenaustausch unterbunden gewesen ist,der natürliche Prozess des aneinander Abschleifens unterbrochen war. Dereinzelne Mensch stand mit seinen Gedanken allein. Da er sie nicht aus-sprechen, sie nicht für die Öffentlichkeit niederschreiben konnte, fehl-te die Möglichkeit ihrer Überprüfung und der Weiterentwicklung. Dasempfinden wir heute als Kluft zwischen den Generationen, wir fühlen esganz besonders in der Frauenfrage. Mögen diese Erinnerungen eine Brückesein.

Wohl glaubte ich, der Idee, der ich mein ganzes Leben lang gedient ha-be, noch manches schuldig zu sein. Wenn man aber spürt, dass die kör-perliche Kraft nachlässt, hat man die Pfliaht, damit haushälterisch um-zugehen. Ich glaube, dass es richtig ist, wenn ich mich auf diese sicht-bare und hoffentlich nützliche Leistung konzentriere, um den Jüngeren