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" Mein Bruder Otto er ging ja bei meinem Vater in die Lehre- stand vorder Gesellenprüfung und ich war neuneinhalb Jahre alt, als uns noch einkleines Schwesterchen, Elisabeth, geboren wurde. Das war am 22. August,in dem uns denkwürdig erscheinenden Jahr, denn in
1888
der Schule waren wir Kinder angesteckt von der Aufregung der Lehrererregt über den Tod des alten Kaisers Wilhelm I. , dann über den schnellfolgenden Tod seines Nachfolgers Friedrich III. und die Thronfolge Wil-helms II. Die Lehrer versuchten, uns kleinen Dingern zu erklären, dasswir Geschichte erlebten. Jedenfalls machten die Gespräche in der Schuleund auch im Hause einen starken Eindruck auf uns Kinder. Am stärkstenbeeindruckte mich aber die grosse Überschwemmung im Jahre 1888. UnserHaus stand mitten im Wasser, obwohl wir garnicht unmittelbar am Flusswohnten. Ein mit der Warthe unterirdisch verbundener Graben brachte unsdie Wassermassen, die die Gärten, den etwas höher gelegenen Bauplatz unddie grossen Viehhöfe der Ausspannung, die unserem Hauswort gehörten, biszur Strasse überfluteten. Die Familien aus den Kellerwohnungen wurdenoben unter dem Dach aufgenommen. Wir Kinder fuhren mit Waschwannen aufdem Wasser umher, purzelten auch gelegentlich hinein, aber weiter istuns nichts passiert. Am Abend aber hörten wir die Geschichten von dentreibenden, mit Menschen besetzten Dächern, von Wiegen mit Kindern, dieden Fluss heruntergetrieben wurden, von Hunden, die an der Hütte angekettsichtet und dadurch am Schwimmen verhindert waren und ertranken oder auf denDächern der Hundehütten i festklammerten und gottserbärmlich heulten.Das war das erste soziale Erlebnis, das einen tiefen Eindruck auf michmachte und mir bis auf den heutigen Tag mit vielen Einzelheiten im Ge-dächtnis haften blieb.
Und nun kam im gleichen Jahr die Geburt des Schwesterchens. MeineMutter, schon über 42 Jahre alt( sie wurde am 31. Januar 1846 geboren),machte sich in ihrer schwerblütigen Art Gedanken über das späte Kommenrecht törichtedieses jüngsten Kindes. Sibildete sich ein, dass es uns, meinem BruderOtto und mir, im Wege sein müsse. Ich erinnere mich noch genau daran,wie Otto, der fünf Tage später seinen 16. Geburtstag feiern sollte, mit-tags zum Essen nach Hause kam und verschmitzt lächelnd fragte:" Nun? Wie-viel Geschwister sind wir denn jetzt?", und wie bei dieser freundlichen