Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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Über die Eindrücke, die verschiedene politische Ereignisse auf siemachten, hat Marie keine Aufzeichnungen hinterlassen. Sehr viel spä-ter rief sie sich durch Zuhilfenahme von Büchern diese Dinge ins Ge-dächtnis zurück, wenn sie versuchte, Parallelen bei den Zeitereignis-sen festzustellen. In den Tagen des zu Ende gehenden 19. und des be-ginnenden 20. Jahrhunderts stand Marie vor so vielen persönlichen Pro-blemen, die ihre Zeit in Anspruch nahmen, dass sie zwar die Weltereig-nisse registrierte, aber nicht so verarbeitete, wie sie es ihrem Wis-sens hunger entsprechend wahrscheinlich gerne getan hätte, denn späterhat sie manches Mal bedauert, in dieser Zeit- mit 21 Jahren keineaufmerksamere Beobachterin des Weltgeschehens gewesen zu sein. Zu Hau-se unterhielt sie sich zwar sehr oft mit ihren Eltern und auch mit Bru-der Otto, wenn er zu Besuch kam, aber das waren meist Gespräche, beidenen man sich gegenseitig neue Dinge mitteilte, ohne über ihre Aus-wirkungen zu sprechen. Wahrscheinlich lagen diese neuen Dinge so fern,weil sie vorerst ohne jede Bedeutung oder Wirkung auf das Leben derMenschen blieben. Zumindest auf die Stadt Landsberg. Mit der Erfindungdes Radiums durch Madame Curie konnte Marie nicht sehr viel anfangen.Es beeindruckte sie allerdings, dass es eine Frau war, die diese Lei-stung vollbracht hatte. Anders war es mit den Kriegsschauplätzen inverschiedenen Ländern und mit den Spannungen der Völker untereinander.Die schon sehr früh in Marie lebendig gewordene Ablehnung aller krie-gerischen Auseinandersetzungen mag die Ursache gewesen sein, dass sielebhaften Anteil an allen Gesprächen nahm, die sich damit beschäftig-ten. Als bei einem solchen Gespräch im Elternhaus einmal gesagt wurde,dass das Deutsche Reich nun auch zu einer gefürchteten Kolonial- undFlottenmacht emporwachse, wollte es ihr nicht einleuchten, dass Friedenur denkbar sei, wenn man sich voreinander fürchtet. Als bald daraufin einer Zusammenkunft der sozialistischen Gesinnungsfreunde das glei-che Thema noch einmal zur Sprache kam, ging Marie zum ersten Mal zumErstaunen aller Teilnehmer ganz aus sich heraus. Noch fast 60 Jahrespäter konnte sich ihr Bruder Otto daran erinnern, welchen Eindruck esmachte, als Marie sinngemäss- zum Ausdruck brachte, wie wichtig essei, bei weittragenden Entscheidungen auch die Frauen mit anzuhören,was nur möglich sei, wenn man sie zu öffentlichen Berufen zulasse, sowie das in Amerika der Fall sei, wo man Frauen als Beamte der Justizund als Richter zugelassen habe.

Marie wollte sich mit diesem jugendlich- enthusiastischen Vorstossnicht in den Vordergrund drängen und die Aufmerksamkeit auf sich len-ken. Sie war von ihren Fähigkeiten, politisch aktiv tätig zu werden,garnicht überzeugt, sondern betonte immer wieder, dass sie eine Ler-