Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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und den sozialdemokratischen Organisationen wachdam und kritisch aufge-nommenen Regierungsentwurf im negativen Sinne der Arbeiterschaft zu ver-wässern. Die Sozialdemokratische Partei hatte schon früher im Einverneh-men mit den Gewerkschaften einen eigenen Entwurf für ein freies Vereins-recht eingebracht. Wir Frauen im besonderen waren uns darüber einig, dasswir unser politisches Organisationsrecht anstrebten und so vorteilhaftwie möglich für uns erkämpfen wollten, dass es aber nicht gegen den Nach-teil eines eingeschränkten Koalitionsrechts für alle arbeitenden Menschenerkauft werden durfte.

Man muss sich vorstellen, wie das zentrale Frauenbüro mit äusserst geringenfinanziellen und technischen Hilfsmitteln arbeiten musste, um uns in die-ser bewegten Zeit laufend und schnell über alles zu unterrichten und mitMaterial zu versorgen.

Mitten in diese aufregenden Tage hinein kam aus Landsberg die Nachrichtvom plötzlichen Tod des Vaters Gohlke. Am 11. Mai 1908 war er im Altervon 66 Jahren gestorben. Lisbeth wäre zu gerne mit Marie und Bruder Ottezur Beerdigung gefahren, erwartete aber in vier Wochen ihre Niederkunft.Ausserdem wäre Lisbeths Mann mit Maries Kindern Lotte und Paul schlechtfertiggeworden. So fuhren Otto und Marie alleine nach Landsberg , wo eseine Fülle unerfreulicher Dinge zu erledigen gab. Es hatte sich schonvorher in Landsberg in einigen Kreisen herumgesprochen, dass die Töchtervon Theodor Gohlke" Rote" seien. Die Folge war, dass Mutter Gohlke regel-recht vor die Türe gesetzt wurde. Ein Mieterschutzgesetz gab es damalsnoch nicht.

So blieb nichts anderes übrig, als den Landsberger Haushalt aufzulösenund mit Mutter Gohlke дak mit nach Berlin zu nehmen. Otto war mit seinersiebenköpfigen Familie reichlich belastet, sodass es sich von selbst er-gab, dass Mutter Gohlke in die Schöneberger Wartburgstrasse 13 zog, zuMarie mit den beiden Kindern, und zu Lisbeth und ihrem Mann. Zu diesensechs Lebewesen wurde gegen Ende Juni ein siebtes erwartet.Zur Überraschung aller hatte Lisbeths Mann die von Marie getroffene Ent-scheidung, die Mutter aufzunehmen, gutgeheissen. Besonders gross war dieFreude für Lotte und Paul, die vom ersten Augenblick an spürten, dass dajemand gekommen war, der sich ständig um sie kümmern und sich mit ihnenbeschäftigen würde. Und so wurde Mutter bzw. Grossmutter Gohlke vollwer-tiges Mitglied der Familie Juchacz- Roehl.

Als Marie die während ihrer Abwesenheit liegengebliebene Heimarbeit unterZuhilfenahme von Nachtstunden aufgearbeitet hatte, stürzte sie sich wiederin die politische Arbeit. Inzwischen war das heissumstrittene Reichsvereinsgesetz vom Reichstag angenommen worden.