Akte 
Manuskript "Leben und Arbeit"
Entstehung
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WOOM

Ich nahm das nicht übel, im Gegenteil,- aber ich bin trotzdem wohlimmer sparsam in meinen Gesten geblieben. Jeder Mensch soll auchbei seiner Eigenart bleiben, nicht nur beim öffentlichen Reden,sondern auch in seinem übrigen Verhalen.

Ein anderes Mal fragte mich der Genosse F., ob ich einen gutenRat annehmen wolle.

" Aber natürlich! Jeder gute Rat ist wichtig."

" Dann ziehebinde doch, wenn Du in Frauenabende gehst, eine Schürze

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Die Frauen gehen bestimmt mehr aus sich heraus, wenn sie Dich auchäusserlich als ihresgleichen empfinden. Sie kommen doch direkt vomKochherd, von der Haus- oder Heimarbeit in die Versammlungen." Ja, bin ich denn nicht einfach und schlicht in meiner Kleidung?"O ja, doch, aber Du darfst mich nicht missverstehen...!"Ich dachte einen Augenblick nach.

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" Hören Sie, Genosse F., was Sie verlangen, würden die Frauen beimir als eine Maskerade empfinden, weil es nicht echt ist. Ausser-dem wenn man mich sieht, wie ich aus der Strassenbahn aussteige,mit dem Hut auf dem Kopf, für mein Gefühl fertig angezogen, undwenn ich dann in der Versammlung plötzlich mit der Schürze erschei-ne, würde man mit Recht sagen, dass das nicht echt ist. Seien Siemir bitte nicht böse, aber lassen Sie mir meine Art, es wird schonrichtig sein, wie ich es mache."

Ich habe oft an dieses Gespräch gedacht und mich immer wieder aufrichtiges Verhalten in Anzug und Benehmen geprüft. Auch das warmir wichtig."

Bald darauf wurden Marie und Elisabeth als Rednerinnen für SPD-versammlungen in Berlin und der Provinz Brandenburg aufgefordert.Es hatte sich sehr schnell herumgesprochen, dass da zwei Frauen wa-ren, die reden konnten.

" Kurz vorher hatte man mich in den Vorstand des örtlichen Partei vereins gewählt. Auch das war mit einer Überraschung für mich und miteinem. eranten Entschluss verbunden. Diesmal war es nicht der Ge-nosse F., der das Experiment mit mir machte. Der gerade amtierendeVorstand schickte einen jüngeren Genossen, der in Rixdorf in unsererStrasse wohnte, mit der Frage zu mir, ob ich wohl in die General-versammlung und für den Vorstand kandidieren wolle. Man hätte dieAbsicht, mich in Vorschlag zu bringen. Wieder antwortete ich sehrzögernd, es sei nicht meine Absicht, mich so bald an verantwortli-chen Parteiämtern zu beteiligen, ich sei ja noch viel zu unbekannt.