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[ Probleme der Kültür und
Erziehung]Es erscheint uns heute Lebenden selbstverständlich von Ausnah-men natürlich abgesehen, dass wir uns so gut wie möglich klei-den, dass wir eine möglichst geschmackvolle eingerichtete Wohnungbesitzen, was nicht unbedingt mit grossem Geldaufwand verbundensein muss, denn die Industrie liefert auf allen Gebieten Serien-Erzeugnisse zu oft erstaunlich niedrigen Preisen, und dass wir unsin jeder Athmosphäre mit mehr oder weniger Anstand und Geschick zubewegen verstehen. Unsere Schulen und anderen Bildungsstätten ha-ben nicht nur äusserlich, sondern auch vom Lehr- und Erziehungs-stoff her ein anderes, modernes, klareres Gesicht erhalten. Der Le-bensstandard ist gestiegen, und es ist kein unerfüllbarer, in wei-ter Ferne liegender Wunsch mehr, ein Radiogerät, einen Plattenspie-ler, eine Tonbandapparatur oder einen Fernsehapparat zu besitzen zuwollen. Es soll nicht an die leider noch sehr zahlreichen Flücht-linge, an Vertriebene und unter sehr eingeengten Verhältnissen Le-benden ansahen gedacht werden, die noch immer abseits vom Wirtschaftsegen stehen. Die Menschen sind heute näher zusammengerückt, sieoft nurwissen mehr voneinander, auch wenn sich dieses Wissen auf Ausser-lichkeiten beschränkt. Die unermüdliche Publizistik auf allen Ge-bieten führt uns tagtäglich die neuesten Errungenschaften vor dieAugen und Ohren. Wir sind mitunter schon zu stark überfüttert undwerden zu oberflächlicher Aufnahme der Dinge verurteilt, weil wirdie Fülle des Gebotenen nicht mehr richtig verarbeiten können.Marie hat diesen Wandel unseres Daseins in zweifachen Miterlebenbeobachten können, als sie nach der saarländischen und französi schen Emigrationszeit plötzlich nach Amerika kam, also von heuteauf morgen aus der Enge des politischen Flüchtlings in die Weitedes amerikanischen Kontinents mit der freiheitlichen Auffassungseiner Staatsbürger und der selbstverständlichen wirtschaftlichenGesundheit seines Existenz, und dann- als sie 1949 in das ausge-bombte Deutschland zurückkehrte wieder in die Enge des aufge-spaltenen end mit seinen vielen Zonen, seinen Bemühungenum wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Gesundung.Als xie sich Marie nach ihrer Rückkehr aus Amerika vorübergehendauf dem von ihrem Sohn Paul verwalteten Provinzialgut in Weissen thurm bei Neuwied ausruhte, hatte sie Zeit und Rühe, um zum erstenMal vergleichend die Erlebnisse und Ereignisse von ihrer Kindheitbis zur Gegenwart zu betrachten, ohne damals an eine Niederschriftdieser Überlegungen zu denken.
Was hatte sich alles geändert? Alles war anders, vieles zum Gu-ten, manches zum Schlechten gewandelt. Die Welt war seit Maries