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Dass sich Marie und Elisabeth in diesen Jahren mit noch grössererIntensität ihren selbstgewählten politischen und sozialen Aufgaben-widmen konnten, war im wesentlichen darauf zurückzuführen, dassMutter Gohlke den Haushalt in Rixdorf besorgte und sich um die dreiKinder kümmerte. Da Lotte und Paul schon" da" waren, als LisbethsSohn Fritz geboren wurde, ergab es sich, dass er- wie seine ver-meintlichen Geschwister Lotte und Paul- zu Marie" Mutti" und zu
seiner Mutter" Tante Lisbeth" sapt Obwohl smutter Henriette xxx sichxxxx die grösste fui dem Jungen beizubringen, dass das falsch unddass" Onkel Gustav" sein Vater sei, liess er sich davon nicht ab-bringen. Erst mit fünf Jahren, als Elisabeth ihren Sohn x* x* x zuverschiedenen Gelegenheiten mitnahm und es ihr selbst komisch vor-kam, wenn er sie in Gegenwart anderer mit" Tante Lisbeth" ansprach,erklärte sich der Junge zu einem Kompromiss bereit. Marie und Eli-sabeth waren ab, nun" die grosse und die kleine Mutti". Daran hatdann auch spätersichnichts geändert.
Rixdorf, das mit" Dorf" nichts mehr gemein hatte, sondern im Ge-genteil zu einem großstädtischen Vorort Berlins emporgewachsen war,erhielt in dieser Zeit den Namen" Neukölln ". Die beiden Schwesternfühlten sich in dieser Gegend" Eu Hause", auch mutter Gohlke hattesich sehr schnell akklimatisiert, und so entstand zwischen dendrei Frauen ein sehr schönes Verhältnis.
" Es waren unserer Mutter beste, knapp zugemessene Stunden, wenn siemit einer von uns, oder mit uns beiden, über die Vergangenheitplaudern konnte. Wie gross der Vater doch in aller persönlichenund wirtschaftlichen Not gewesen sei, wie er über den Dingen ge-standen habe, wie stark aber auch sein Verantwortungsgefühl xxxfür sie und uns Kinder gewesen sei. Sie sei sich bewusst, dass sieihm in seinem Geistesflug niemals habe folgen können. Nachträglichsei sie aber besonders froh darüber, dass er sie in seiner ihm ei-genen Art über das Kleinstatleben hinweggehoben habe." Das war nur deshalb möglich, Marie, weil Vater mir und Euch denganzen privaten Kram und Klatsch der Nachbarn und der anderen vomHalse hielt, und niemandem яя** я unsere eigenen privaten Verhält-nisse erzählte. Ihr Kinder habt das schon sehr früh begriffen undbis jetzt danach gelebt. Macht das auch weiter so."
So wurde es mir nachträglich noch bewusst, dass eins der bestenDinge, die mir vererbt und anerzogen wurden, die Diskretion gegen-über dem persönlichsten Leben anderer war.
Es sind in meinem langen Leben viele Menschen mit ihrer Not zu mir