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Selbstverständlichkeit, die nicht nur mütterliches Erbteil, xxxxsondern in der Not der Zeit und der ganzen familiären und politi-schen Situation begründet war. Die Familie des Bruders Otto halfmit, so gut es ging. Das Weihnachtsfest 1911 wurde ohne GrossmutterGohlke gefeiert. Marie und Elisabeth standen noch unter dem Eindruckdes Verlusts, aber Lotte hatte endlich ihre" Badewanne, in die diePuhpe reinpatzte", Paul war mit seinem Laubsägekasten beschäftigt,und Fritz verdarb sich den Magen an den" Salz- Zungen" aus Schokola-de, die er sich von seiner Mutter- die kurz zuvor in Salzungen wargewünscht hatte.
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So war das Jahr 1912 gekommen, das bedeutungsvolle Jahr der Reichs-tagswahl, das mit Demonstrationen eingeleitet wurde.
" In Neukölln mussten wir mehrfach vor der gegen uns aufgebotenen undwirklich nicht zart vorgehenden Polizei des Herrn von Jagow fliehen."Im" Vorwärts" erschien dann eine Notiz, die verschlüsselt war und.den eingeweihten Sozialdemokraten verriet, dass eine grosse Gegen-demonstration stattfinden würde,-" am nächsten Sonntag im Trepto-wer Park".
" Unsere Absichten bei diesen Demonstrationen waren absolut friedlich,sie sollten nur ein sichtbarer Willensausdruck sein, und es bestandkein Grund, sie zu verbieten. Aber es geschah trotzdem. Am Sonntagfanden wir uns alle an unseren Treffpunkten ein, und zu meiner Freu-de erhielt ich den Auftrag, einen Trupp zum Demonstrationsziel zuführen.'
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Den Demonstranten war nicht ganz wohl, als sich die verschiedenenTrupps in Bewegung setzten. Herr von Jagow hatte unmissverständlichzum Ausdruck gebracht, dass" die Strasse dem Verkehr" gehört und dasser die verhassten Sozialdemokraten- wenn sie eine Demonstration wagersollten zu Paaren treiben würde. Die Vorbereitungen dazu waren ge-troffen: alle in Berlin verfügbaren Polizeitruppen beritten und zuFuß- wurden zum Treptower Park in Marsch gesetzt, das Gelände inweitem Umkreis umsteltt, mit offenen Einmarschlücken für die Demon-stranten, um sie in die Falle gehen zu lassen.
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" Bald merkten aber unsere demonstrierenden Genossen, dass wir sienicht zum Treptower Park, sondern in entgegengesetzter Richtung, zumgrossen Stern im Tiergarten führten, wo die Redner der Parteileitungschon bereitstanden."
Viele Stunden später musste Herr von Jagow im Polizeipräsidium fest-stellen, dass man ihn und seine Polizei an der Nase geführt hatte,