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engruppen, und über das Verhältnis der örtlichen Parteistellen zuden Behörden und zur Kirche. Mit diesem Wissen ausgerüstet stand sieabends am Rednerpult, und es sprach sich in den Bezirken sehr schnellnicht nur guteherum, dass Marie Juchaczkeine Propagandarednerin der SPD sei, son-dern den Menschen sehr viel mehr als nur die Ziele der Sozialdemokra-ten in verständlicher Form näherbringe. So kam es, dass ihre Versamm-lungen auch von den katholischen Teilen der Bevölkerung besucht wur-den, wobei es niemals zu harten oder ausfälligen Auseinandersetzun-gen kam. Marie Juchacz machte sich über diesen" Erfolg" ihre eigenenGedanken:
" Zum ersten Mal war ich mit einer unter dem Einfluss der katholischen Kirche erzogenen Bevölkerung in Verbindung gekommen. Ich merkte wohlintuitiv, dass man über viele Dinge des menschlichen Lebens sehr zu-rückhaltend und sehr vorsichtig sprechen müsse, um keine Taktfehlerzu machen und nicht zu verletzen. Wieso mir das so gut glückte, weissich nicht. Auch später habe ich auf diesem Gebiet niemals Schwierig-keiten gehabt. Ich glaube, man muss viel natürliche Achtung vor demLeben der anderen Menschen haben, dann formen sich Gedanken und Worteentsprechend.
Dass ich unbewusst eine grosse Prüfung bestanden hatte, sollteich erst sehr viele Wochen später erfahren."
Voller Eindrücke kam Marie Juchacz nach Berlin zurück, wo das Lebennun wieder gemeinsam mit Schwester Elisabeth- weiterlief, als habeniemals ein politischer Ausflug ins Rheinland stattgefunden. Währendder Abwesenheit von Marie war allerdings der Schatten, der über derEhe von Elisabeth lag, grösser geworden. Christian Michael Roehl fühl-te mehr und mehr, dass seine Frau ihm entglitt und sich in einer Ge-dankenwelt zu Hause fühlte, die ihm selbst fremd war. Wie dieseSpannungen sich lösen liessen, wussten weder Elisabeth noch Marie.
Ein Brief aus Köln , der, Anfang des Jahres 1913 in Berlin eintraf, lei-tete einen neuen Abschnitt nicht nur für Marie, sondern auch für Eli-sabeth ein. Absender war Jean Meerfeld.
" In wenigen Zeilen wurde ich aufgefordert, mich zu einer bestimmtenBerlin Zeit in einem bestimmten Cafe zu einer Unterredung mit Jean Meerfeldund dem Reichstagsabgeordneten Adolf Hofrichter einzufinden. Dortfragten sie mich, ob ich keine Lust hätte, als Parteisekretärin nachKöln zu kommen. Es war ein langes und inhaltsreiches Gespräch, indem wir uns auch über die Aufgaben eines solchen Amtes verständigten.Nach einer anschliessenden und eingehenden Beratung zu Hause mit Eli-sabeth erfolgte meine Zusage an Adolf Hofrichter ."
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